Kultur : Topographie des Terrors: Die Gratwanderer

Wer gemahnt werden muss, hat Schulden. An Schulden lässt sich niemand gern erinnern. Zu den Lieblingsbauten der Spaßgesellschaft gehört das Mahnmal eher nicht. Dem gemeinen Denkmal geht es nicht besser. Wer geht gerne Denken? Denkmalen meint man ihr angestrengtes Pathos von weitem anzusehen. Das konsequente Guckmal dagegen, welches - ohne zu polarisieren oder Reflexion einzufordern - nur historisierenden Oberflächenreiz ausstrahlt, setzt sich noch nicht durch. Lange war Deutschlands bekanntestes Erinnerungsprojekt, das Denkmal für Europas ermordete Juden, so umstritten, dass seine Hauptförderin Lea Rosh (nicht nur auf Grund ihres Auftretens) für viele Menschen zur antipathischen Figur wurde. Politische Erregung sucht sich die personalisierte Angriffsfläche. Ach, wenn das Gedenken doch nur eine besinnliche Sache wäre, und sein Idealort der stillste Stadtwinkel, so dass der ideale Gedenkmanager als Person kaum in Erscheinung träte ... Gegen solch altmodische Vorstellung steht die Realität der konkurrierenden Aufmerksamkeit: ohne Marketing keine Erinnerung.

Aber ohne die Kärrner im Hintergrund keine Erinnerungspolitik. Seit Januar 1998 ist Gabriele Camphausen Geschäftsführende Direktorin der Berliner Gedenkstätte Topographie des Terrors, wo am Ort der ehemaligen SS- und Gestapo-Zentrale das NS-Kontroll- und Vernichtungssystem dokumentiert werden soll. Die dort 1987 provisorisch eingerichtete Ausstellung wurde mit Beginn der Baumaßnahmen für eine von Peter Zumthor entworfene Museumshalle weitgehend abgebaut. Eine Gedenkstätte ist etwas zwischen Museum und Denkmal, da geht es um Inhalte. Doch seit Camphausen, die zuvor am Stasi-Gedenkort Hohenschönhausen arbeitete, ihre Stelle antrat, steht das politisch-ökonomische Überleben der Topographie im Vordergrund. Ihr härtester Moment, sagt die Historikerin, sei der abrupte Baustopp im Frühjahr 2000 gewesen; ihr bestes Erlebnis der Durchbruch zum Neustart der Bauarbeit, vor wenigen Wochen. Als künftige Priorität nennt sie nun die Lektion aus dem Verzögerungsskandal: Kultur- und Bauverwaltung, Techniker, die Stiftung Topographie, Gutachter und Architekt müssten unbedingt regelmäßig miteinander reden. Gremienarbeit macht weniger Wind als Marketing, doch erst durchs Fädenziehen hinter den Kulissen konnte Berlins wichtigstes Erinnerungsprojekt aus der Sackgasse manövriert werden.

Es mag Gabriele Camphausen, die ihre Stelle interimsmäßig für den beurlaubten Andreas Nachama angetreten hatte, bitter ankommen, dass sie ausgerechnet jetzt abtreten muss, wo Konzeptionsarbeit an der Topographie wieder absehbar wird: Heute ist ihr letzter Arbeitstag. Sie bewerbe sich andernorts, sagt sie unkokett. Für ihren Vorgänger und Nachfolger ist wiederum die Rückkehr nicht leicht. Noch im Frühjahr hatte Nachama vergeblich eine zweite Amtszeit als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde angestrebt. Jetzt ist es auch an ihm, der das Konzept des geplanten Info-Ortes unter Eisenmans Holocaust-Denkmal mitentwickelte, für Berlin eine Vernetzung der Gedenkstätten zu erfinden: als Gratwanderung zwischen history business und ewigem Volkstrauertag. Seine Vorgängerin Camphausen sagt, sie gehe, um der thematischen Kontaminierung im Rahmen ihrer Museumsarbeit zu entkommen, gern durch die Stadt spazieren, am Wasser, oder durch Berge - sich die innere Bewegung "von der Seele weglaufen". Professionelle Distanz zu den schrecklichen Geschichten habe sie erworben, immun dagegen wolle sie nicht werden. Von Gedenkstättenarbeitern lernen, heißt offenbar, Gratwandern lernen: am besten in der Hauptstadt der Schulden.

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