Topographie des Terrors : Wir, das Tätervolk

Zum Richtfest der Topographie des Terrors: die Pannen- und Erfolgschronik der Berliner Gedenkstätte.

Thomas Lackmann
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Am Bauzaun. Das Topographie-Gelände neben dem Gropius-Bau. -Foto: dpa

Die Chronik der Dokumentationsstätte, deren Richtfest an diesem Montag gefeiert wird, beginnt mit dem 27. und 28. April 1949. Unbeachtet von der Berliner Öffentlichkeit wird die Ruine des Prinz-Albrecht-Palais gesprengt, das mit der Gestapo- und der SS-Zentrale sowie dem Reichssicherheitshauptamt die Schaltstelle des NS-Terrors gewesen war. Teile der noch stehenden Fassade werden 1956 gesprengt, Schutträumung bis 1963. Initiiert durch die antifaschistische Liga für Menschenrechte werden 1967 in zwei Einkaufsvierteln hohe Tafeln angebracht, auf denen „Orte des Schreckens, die wir niemals vergessen dürfen“ aufgezählt sind: zwölf ehemalige Konzentrationslager im In- und Ausland.

1980 fordert die Liga, angesichts der im Martin-Gropius-Bau geplanten Ausstellung „Preußen – Versuch einer Bilanz“ auch an die Opfer des einst angrenzenden Folter-Palais zu erinnern. 1984 entscheidet der Regierende Bürgermeister, den unter 194 Arbeiten erstplatzierten Entwurf eines Gestaltungswettbewerbs für das Gelände nicht zu realisieren. 1987 wird zur 750-Jahr-Feier eine provisorische Ausstellung eingerichtet. 1989 fordert eine Bürgerinitiative, dort ein Holocaustmahnmal zu errichten. Der Rest ist Gegenwart.

Dass Erinnerung und Gedenken reale Koordinaten brauchen, obwohl authentische Schauplätze kontaminiert bleiben können, war in den Abriss-Aufbau-Zeiten nach dem Krieg keine verbreitete Erkenntnis. Auf „Orte des Schreckens“ verwies man lieber in der Ferne. Tatorte mitten „unter uns“ werden – Erinnerungspolitik als Basisbewegung! – in der Folge von 1968 entdeckt. Während der 90er Jahre entsteht daraus der Diskurs um die Priorität „echter“ Lokalitäten. Das Jüdische Museum Berlin und das Holocaust-Mahnmal entstehen auf beliebigem Terrain; in der Topographie des Terrors geht es, wie in KZ-Gedenkstätten, auch um das Bewahren vielsagender Relikte. Der aktuelle History-Boom zeigt, dass unter dem Eindruck digitaler Informationsflut und medialer Inszenierungen der Drang nach dem Pathos des Authentischen wächst.

Nicht nur die provisorische Ausstellung „Topographie des Terrors“ bewährt sich als Publikumsmagnet. Auch die verspielte Alliteration ihres Titels, der ebenso einen Parcours durch Ground Zero bezeichnen könnte, hat sich durchgesetzt. Das bis dahin wenig genutzte, Sterilität assoziierende Fremdwort ist zum Terminus technicus für den Prinz-Albrecht-Komplex geworden. Ästhetische Gestaltung und Geschichtsmarketing befördern einander: Imposantes Beispiel dafür ist die Architektur des als Skulptur mit Mahnmal-Design gebauten Jüdischen Museums.

Peter Zumthors 1993 preisgekrönter Topographie-Entwurf, der Funktionalität und künstlerischen Anspruch verband, wurde dagegen zum Millionengrab. Die Kosten explodierten, der Rohbau wurde 2004 abgerissen. Wie viel Überbau, wie viel Marketing verträgt oder braucht die Erzählung vom Zivilisationsbruch?

Zur Pannen- oder Erfolgsstory der Topographie, die als Provisorium mit Open-Air-Ausstellung und freigelegten Keller-Zellen eine halbe Millionen Besucher jährlich anzieht, gehört ihre Herkunft aus Bürgerinitiativen. Am Anfang stand kein Bundestagsbeschluss (wie beim Einheitsdenkmal). Inzwischen ist das Projekt ein Bundesinstitut, nach Jahren in der Behelfsbaracke. Die ursprüngliche Basis-Bewegtheit ahnt noch, wer im kleinen Kreis Vorträge über NS-Forschungen erlebt, veranstaltet von der Topographie-Stiftung. Verglichen mit dem Historytainment im heutigen Medienzirkus wirken auch die Wechselausstellungen eher spröde. Gleichwohl hat sich aus der Aufklärungsbotschaft sendungsbewusster Bürger ein Bildungsprodukt entwickelt, das massenkompatibel ankommen soll.

Bei den Schuldzuweisungen der Nachkriegsjahre traten vorzugsweise Nazis einerseits und deren Opfer andererseits, die Deutschen und die Juden, auf. Dagegen präsentiert sich die Topographie, deren Fertigstellung für 2010 geplant ist, mitnichten als bad bank nationaler Selbstreinigung. Eher als Monument eines harten Bekenntnisses: Wir, das Tätervolk.

Die Komplexität der NS-Zeit wird mit solcher Zuschreibung nicht aufgehoben. Grauzonen-Erforschung, Differenzierung der Tätergruppen oder die Entdeckung der Opfer unter den Tätern – all das wird es weiter geben. Wie funktioniert kollektive Täterschaft? Als Horrorschau und Lernwerkstatt entdeckt die Topographie außer dem Funktionär des Staatsverbrechens ganz normale Terrorkomplizen von nebenan.

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