TOR! : Bloß keine Panik

Jan Schulz-Ojala trinkt einen Met in der Abendsonne

Wie mag es damals zugegangen sein, kurz vor Toresschluss? Es wurde eng im Raum vor den Toren, Reiter preschten heran, Marketender auf ihren Planwägelchen trieben die Maulesel zur Eile, Buhlschaften mühten sich, rechtzeitig hinter die Mauer zu kommen, und oben auf ihren Türmen saßen die Wächter in den letzten Strahlen der Abendsonne und riefen: „Wer schließt das Tor? Wir schließen die Tore!“ Ja, wer damals die Tore schloss, Tag für Tag, Abend für Abend, der galt mehr als ein König, zumindest kurz vor Toresschluss.

So war’s im Mittelalter – und glücklich angekommen hinter dem Stadttor gehörte man zu denen, die endlich drin und dabei waren, in den Häusern oder draußen auf den Plätzen, und dralle Metzen gingen zwischen den groben Holztischen und den lärmenden Kerlen umher mit Krügen voll Met. Heute wird es kurz vor Toresschluss meist bloß anderweitig eng. Da will geschwind noch eine Glosse geschrieben oder torschlusspanisch eine lang versprochene Verabredung eingehalten sein, oder jemand bringt, ganz spätmittelalterlich, einen handgeschriebenen Brief knapp vor der Leerung zum Kasten. Wer danach sein Tor geschlossen hat oder zwei oder alle vier, das Nord- und Osttor, das Süd- und Westtor, der hat was geschafft und ist es auch. Und mag sich feiern oder feiern lassen.

Doch dabei bleibt es nicht. Da mag man noch so viele Tore schließen und dahinter Schutz finden – eines Tages, eines Tagesanbruchs vielleicht wie im Mittelalter, gehen sie wieder auf. Sie mögen erst knarren, die Tore. Dann fällt Licht ein. Und jenseits, anfangs nur zu ahnen: So viel Raum.

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