TOR! : Die Kraft der Mitte

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Er hat nicht Hand noch Fuß. Aber die Kraft aus der Mitte. Gespannte Bauchmuskulatur, die viel verrät über die Kraft, die Fähigkeit zum Sprung. Die leichte Drehung in der Mitte, ein Ausholen zum großen Wurf. Man braucht nicht in die Augen zu blicken, um die Entschlossenheit zu spüren, braucht das Bein nicht, nicht den schlanken Arm. Der Athlet ist auch am Nabel zu erkennen.

Es ist die Einladung an die Vorstellungskraft, die den Torso so reizvoll macht. Die mitschaffende Fantasie, die danach drängt, das Abgebrochene einer Skulptur in Gedanken zu ergänzen. Und die den großen Entwurf im Detail erkennt: „In jedem Teile des Körpers offenbart sich, wie in einem Gemälde, der ganze Held in einer besonderen Tat“, schwärmte Johann Joachim Winckelmann vom Torso des Herakles im Belvedere des Vatikan, den schon Michelangelo bewunderte.

Die Lust am Unvollendeten, die in Auguste Rodins berühmten Torsi mündet, beflügelt vor allem die Künstler der Moderne, die ihre Erfahrung mit Zerstörung und Fragmentierung gemacht haben. Die Historiker sahen das lange Zeit anders. Als mit der Rückbesinnung auf die Antike in der Renaissance auch das Interesse an den aus dem Erdreich geborgenen, oft stark beschädigten antiken Statuen wuchs, kämpften sie um Rekonstruktion, um die Wiederherstellung des Ganzen. Unzählig sind die berühmten Antiken, denen die Nachgeborenen Hand und Fuß, Kopf oder Attribute hinzufügten. Unendlich auch die Diskussionen, wie genau nun Laokoons Arm sich gegen die Schlange stemmt. Und doch: So korrekt, so schlüssig die Rekonstruktionsversuche auch sein mögen, das Ergebnis ist enttäuschend. Die vervollständigte Figur verliert ihren Reiz, ihre Magie, wirkt plötzlich plump. Als habe der Künstler zu sehr auf Sicherheit gespielt.

In jedem Torso steckt ein Treffer: Die jugendliche Kraft liegt im Offenen, in der Möglichkeit, die das Ziel noch nicht kennt. Rilke hatte nicht Sport im Sinn, als er vom Lächeln der Lenden schwärmte, von der Kraft der Mitte, „die die Zeugung trug“. Der archaische Torso Apollos, den er in den „Neuen Gedichten“ besingt, war Schöpfergott, Musenherr. Der Dichter, der von Stein singt, der wie Kandelaber glüht und wie Raubtierfell leuchtet, sieht seine Fantasie entzündet: „Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht.“

Ob archaisch, apollinisch oder abseits – Rilkes Schlussfolgerung aus der Begegnung mit dem Torso lautet: Du musst dein Leben ändern. Manchmal schenken die Götter den Sieg.

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