Kultur : Tor zum Paradies

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Märtyrerinnen als still duldende, leicht verhärmte dürre Jungfern? Nicht bei Roswitha von Gandersheim. In den komödiantischen Lesedramen der ersten deutschen Dichterin triumphieren die Märtyrerinnen nicht nur durch Unerschrockenheit über die heidnischen Machthaber, sondern auch durch ihre Vitalität und Schlagfertigkeit. Das Dramatische Theater spielt zwei dieser frühmittelalterlichen Stücke im Treppenhaus der Alten Nationalgalerie, das der Regisseur Matthias Merkle als Bühne, Kulisse und Stationenweg nutzt (noch bis zum 28.9., jeweils Mi, Fr, Sa 20 Uhr 30). Dulcitius wird im Entrée gespielt. Wie die drei Jungfrauen durch einen Türspalt beobachten, dass der liebestolle römische Statthalter – im Geist verwirrt und in der Tür geirrt – statt der Mädchen rußige Töpfe umarmt, das ist in der direkten Sprache, die die Stiftsdame den Mädchen in den Mund legt, umwerfend. In Sapientia machen Fides, Spes und Caritas (Julia Mahlke, Ann Vielhaben und Susanne Opitz) dem Kaiser (Georg Ansas Otto) und seinem Präfekten (Mirco Dziekanski) mit einem ausufernd gelehrten Zahlenspiel den Schädel brummen, um dann mit jugendlichem Ungestüm – warum nur in so bieder geknöpfter Krankenschwesterntracht? – treppauf zu eilen, von einer Folter zur nächsten, bis unters Dach des Museums, wo das Tor zum Paradies offen steht. Bis kurz davor darf ihnen das Publikum folgen. Simone Fässler

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