Tori Kudo live : Das große Scheitern

Irrsinnspop und Fukushima-Kommentare mit Tori Kudo & Maher Shalal Hash Baz beim Japan Syndrome-Festival im Berliner HAU.

Volker Lüke
Tori Kudi & Maher Shalal Hash Baz.
Tori Kudi & Maher Shalal Hash Baz.Foto: Sonja Deffner

Aus Japan kommt eine Menge verrückter Musik. Einer ihrer verrücktesten Vertreter ist der Gitarrist, Sänger und Komponist Tori Kudo, der bereits mit 14 Jahren in Hotelbars Cocktailjazz spielte, bevor er in Tokios Underground-Szene abtauchte. Dort traf er auf schräge Vögel wie den Extremgitarristen Keiji Haino. Mit seiner Frau Reiko hält er seit 30 Jahren die Band Maher Shalal Hash Baz am Laufen, für die er ständig wechselnde Mitstreiter rekrutiert, am liebsten solche, die keine große Kenntnis ihrer Instrumente haben. Denn Kudo hat sich für das große Scheitern entschieden: „Der Fehler in der Ausführung bestimmt die Musik, gleich unserem unvollkommenen Leben.“ Dabei schüttelt der T-Rex- und Thelonious-Monk-Fan die schönsten Melodien aus dem Ärmel, zerbrechliche Stücke, die oft sehr kurz sind oder sich extrem langsam strecken.

Beim Japan Syndrome-Festival im HAU, das Kunst und Musik nach Fukushima präsentiert, wird der Anti-Akw-Aktivist von fünf Frauen und drei Männern an Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard, Melodica, Trompete, Posaune und Blockflöte begleitet. Dabei müssen einige schon alles geben, um die einfachste Melodie zu halten. Zunächst aber treten alle nacheinander ans Mikro, erklären wie weit sie vom Fukushima-Akw entfernt leben und geben einen Kommentar zur Lage ab: „Ich verstehe überhaupt nichts“ oder „Wenn Pflanzen und Fische schreien könnten“. Anschließend werfen sie die Arme in die Luft und dirigieren eine kurze Freistilkomposition, bevor das gesamte Ensemble kinderliedhafte Melodien entwickelt, die so biegsam sind wie bunte Knetmasse.

Dazwischen holt Kudo mit seiner E-Gitarre zum Überschlag aus, zitiert kaputte Blues-Klischees und singt mit fester Stimme Texte, die von einer Dolmetscherin ziemlich holprig ins Deutsche übersetzt werden. Worte des Widerstands und der Ohnmacht, überführt in die surrealen Ebenen der Lust und des Humors. Ein milder Pop-Ausbruch, der uns helfen mag, die Nichtigkeit unserer Existenz und ihre Bedrohung durch Atomkraft zu ertragen. Dabei ist die Performance keine in sich geschlossene Klangwelt. In ihrer offenen Form und ihrem spielerisch intimen Charakter liegt ein humaner Charme, der fast so etwas wie einen Hauch Glückseligkeit hinterlässt.

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