Kultur : "Torso": Unvollendete Vollendung

Markus Krause

Sammelausstellungen im Kunsthandel sind meist todlangweilig. Hier und da hängt vielleicht ein schönes Einzelstück, doch die Auswahl der Kunstwerke ist oft ebenso beliebig wie das Motto der Ausstellung. Die Galerie am Wasserturm, die sich traditionell der figürlichen Bildhauerei widmet, hat - nach mehrmonatigen Sanierungsmaßnahmen, bei denen die Galerieräume im Hinterhof mit einem neuen Restaurant an der Straße verbunden wurden - nun ein Thema gefunden: den "Torso" in der deutschen Plastik. Mit 80 Skulpturen, Zeichnungen und Grafiken von 30 verschiedenen Bildhauern. Aber das ist kein Grund zum Aufstöhnen. Es dauert nur wenige Sekunden, und schon hat der Besucher etwas entdeckt, was ihn voller Neugier näher treten lässt.

Zwei Blicke genügen. Der erste gilt einem kopfüber hängenden männlichen Torso aus Sandstein, betitelt "Der Geschundene", geschaffen 1976 von Bernd Wilde, einem Schüler des ostdeutschen Bildhauers Werner Stötzer. Der zweite gilt Wilhelm Lehmbrucks "Daphne" von 1918, wenige Meter dahinter, ein Bronzeguss aus dem Nachlass des früh verstorbenen Künstlers. Die beiden Plastiken, aufstrebend die eine, herabstürzend die andere, wirken fast wie Zwillinge, auch wenn sich bei Lehmbruck die fließende Form nach oben hin fast verflüchtigt, während Wildes "Geschundener" ungleich strukturierter und blockhafter gebildet ist. Schlagartig wird klar, dass Lehmbruck, der Expressionist, einen großen Einfluss auf die ostdeutsche Bildhauerei gehabt hat. Den Kulturfunktionären der DDR wird dies, selbst in den siebziger Jahren, als Erich Honecker eine neue künstlerische "Weite und Vielfalt" propagierte, kaum in den Kram gepasst haben.

Ob der Torso bei figurativ arbeitenden Bildhauern deswegen so beliebt ist, weil seine Struktur einen größeren Assoziations- und Deutungsspielraum ermöglicht? Lehmbruck nutzte bei der "Daphne" die unvollendete Form, um das Moment der Verwandlung anzudeuten, Wilde beim "Geschundenen", um ein Zeichen der physischen Gewalt und existenziellen Bedrohung zu setzen. Damit rückt Wildes Plastik in die Nähe einer politischen Aussage, und das ist kein Wunder, denn nur so ließ sich in der DDR die Abkehr vom intakten Menschenbild legitimieren. Die Faszination des Torsos liegt jedoch häufig gerade in seiner Offenheit und "Uneindeutigkeit". Dies zeigen zahlreiche Arbeiten der Ausstellung, deren Schwerpunkt in der zweiten Jahrhunderthälfte liegt und Künstler von hüben und drüben vereinigt. Karl Hartung und Bernhard Heiliger treffen auf Fritz Cremer und Theo Balden, Gustav Seitz und Gerhard Marcks auf Werner Stötzer und Wieland Förster. Ob jeder Torso immer etwas bedeuten soll, muss der Besucher dabei von Fall zu Fall für sich entscheiden.

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