Torstraßenfestival : Laptops, Sessel und Party

Dubstep und House statt Arabesk-Verzierungen: Das Elektro-Kollektiv Kairo Is Koming spielt zum Auftakt des Torstraßenfestivals in Mitte.

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Hussein Sherbini von Kairo Is Koming
Hussein Sherbini von Kairo Is KomingFoto: Courtesy of the artist

Mittlerweile ist das Torstraßenfestival in Mitte eine echte Berliner Institution. Einen Tag lang spielen in Läden wie dem Kaffee Burger oder dem Bassy, den letzten verbliebenen Clubs in dem Bezirk, der nach dem Mauerfall der Partykiez schlechthin war in der Hauptstadt, zahlreiche Bands rund um die Uhr, um zu zeigen, dass es hier immer noch mehr gibt als Flagship-Stores und die Erinnerung an wildere Zeiten.

Das Konzept ist bei der siebten Auflage des Festivals das gleiche wie am Anfang, nur das Warm-up-Programm hat sich etwas ausgedehnt. Und so heißt es in diesem Jahr schon zwei Tage vor dem eigentlichen Veranstaltungstag am heutigen Samstag: Willkommen in der Torstraße und Umgebung zur großen Musiksause im Herzen Berlins. Das Kollektiv Kairo Is Koming, ein Zusammenschluss von Produzenten elektronischer Musik aus der ägyptischen Hauptstadt, läutet im Roten Salon der Volksbühne das diesjährige Torstraßenfestival ein.

Bei elektronischer Musik aus Ägypten denkt man vielleicht an Techno mit Arabesk-Verzierungen oder an Dance mit Elementen nahöstlicher Sufimusik, aber genau derartige Klischees möchte das Kollektiv explizit vermeiden. Auch Ägypten gehört zur globalisierten Welt, das will die Gruppe zeigen, auch wenn man das im Westen nicht immer glauben will. Der lose Zusammenschluss aus fünf Männern und einer Frau, der sich rund um den Nachtclub Vent in Kairo formiert hat, ist mehr daran interessiert, elektronische Musik in westlicher Tradition zu produzieren. In einem Land, das sich derzeit im Spannungsfeld von Militärdiktatur und islamistischen Strömungen befindet, steht Techno für den unbeschwerten Hedonismus, den man im ägyptischen Alltag nur noch schwer findet. Ebendieses Lebensgefühl, für das kaum eine andere Stadt so sehr steht wie die deutsche Hauptstadt, hat Kairo is Koming für sich entdeckt.

Tanzen? Wir? Wir wollten doch Exotismus!

Allein der Rahmen für den Auftritt ist nicht optimal gewählt. Die Musiker mit Namen wie Ismael, Hussein Sherbini oder Zuli, die teils bereits bei namhaften europäischen Technolabels veröffentlichen und die Club-Erfahrung haben, müssen ihre Sets nacheinander in einem nur mäßig gefüllten Roten Salon runterspulen, in dem es sich die meisten Besucher erst mal auf den gemütlichen Sesseln bequem machen. Die Kairo-Is-Koming-Mitglieder sitzen vor ihren Laptops, bedienen nebenbei noch irgendwelche elektronischen Geräte und lassen ihren wilden Mix aus Dubstep, Geräuschelektronik, House – fast alle Spielarten der elektronischen Musik sind vertreten – auf ein Publikum niederprasseln, das aus allen möglichen Gründen in den Roten Salon gekommen sein mag, offensichtlich nur nicht, um zu tanzen, obwohl hier größtenteils Tanzmusik geboten wird.

Nicht der kleinste Hauch von Rave weht an diesem Abend durch den Raum. Vielleicht können die Gäste ihren inneren Musikethnologen einfach nicht ganz abstellen und hätten doch ganz gerne irgendeine Form von Exotismus gehabt. Man erwartet etwas Spezielles aus Kairo, bekommt aber genau die Art von Musik, die in Berlin zur Grundversorgung im Nachtleben gehört. Und dann gibt es noch nicht einmal ein wenig Trockeneisnebel im Saal.

Beim übrigen Torstraßenfestival, das noch bis Sonntag läuft, wird der kulturelle Austausch sicherlich besser funktionieren. Musikerinnen wie Mary Ocher aus Israel oder Carla Dal Forno aus Australien, die schon seit einer ganzen Weile in Berlin leben, sind am Samstag dabei. Ebenfalls schon länger hier ansässig ist Stella Chiweshe aus Simbabwe, die in den Siebzigern mit ihrem Spiel auf der Mbira, einem Lamellophon, bekannt geworden ist. Zum Abschluss am Sonntag im Babylon wird Perera Elsewhere ihr neues Album vorstellen, Emma Czerny alias Magic Islands kommt mit einem Mini-Chor und Enno Poppe lässt mit seiner Band Oum Shatt türkische Psychedelic-Sounds auf einen SurfWave-Mix prallen.

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