Toru Yasunaga : Auch Meister haben klein angefangen

Ein Konzertmeister muss führen und sich einfügen können: Yasunagas Adieu bei den Philharmonikern – auf CD

Udo Badelt

Auch Meister waren einmal Schüler. Manche werden sogar wieder dazu. Tschaikowsky hatte 1890 schon das Ballett „Schwanensee“, die Oper „Eugen Onegin“, fünf seiner sechs Symphonien und drei Streichquartette geschrieben. Ein Kammermusikwerk für sechs Instrumentalisten überforderte ihn jedoch zunächst, er gestand, mit der Fertigstellung des Streichsextetts „Souvenir de Florence“ Probleme zu haben.

Auch Toru Yasunaga war ein Meister – nämlich einer der vier Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Im Februar nahm er, nach 32 Jahren, Abschied und kehrte in seine japanische Heimat zurück. Yasunagas fernöstliche Auffassung des Musikerberufs hat die eigene Person immer dem Orchester und der Interpretation untergeordnet. Sein letztes Kammerkonzert im Kammermusiksaal liegt nun als CD vor: Neben den „Souvenirs de Florence“ (in einer Septettfassung mit dem Kontrabass von Klaus Stoll) standen das Intermezzo d-Moll von Bruckner und Donizettis frühes Streichquartett e-Moll auf dem Programm: Stücke, bei deren Entstehung die Komponisten entweder noch oder wieder Schüler und Lernende waren. Das Lernen hört nie auf, scheint Yasunaga damit sagen zu wollen. Der Erlös des Abschiedskonzerts kam der Organisation IPPNW, der Ärzte gegen den Atomkrieg zugute, die den Mitschnitt veröffentlicht hat.

Welche Mühe Tschaikowsky mit seinem Sextett hatte, ist dem fertigen Werk nicht anzuhören. Yasunaga an der Primgeige leitet die Musiker zu einer äußerst konzentrierten Interpretation an, in der die inbrünstig empfundenen Momente (das Hauptthema im eröffnenden allegro con spirito) genauso präzise interpretiert werden wie die nachdenklichen Passagen, etwa das Nebenthema des ersten Satzes.

Dieses Innehalten, in dem der musikalische Energiefluss gleichsam stillgestellt wird, um für einige Atemzüge um sich selbst zu kreisen, gelingt besonders überzeugend zu Beginn des adagio cantabile, wo der spannungsgeladene Augenblick schon nach wenigen Takten von einem tiefgründigen Thema der Primgeige abgelöst wird, der wiederum das Violoncello antwortet.

Auch das Quartett von Donizetti (hier als Quintett) räumt Toru Yasunaga reichlich Gelegenheit ein, seine Fähigkeit, zugleich zu führen und sich unterzuordnen, unter Beweis zu stellen. Im Intermezzo, bei dessen Komposition der spätberufene Bruckner schon 55 Jahre alt war, schlüpft Yasunaga in die Rolle des Wanderführers und leitet seine Streicherkollegen durch schroffe dynamische Gegensätze, in Piano-Täler und über dreifache Forte-Gipfel. Die Berliner Jahre mögen für Toru Yasunaga vorbei sein. Die Wanderschaft jedoch hört nie auf. Udo Badelt

Am 19. und 20. September feiert IPPNW sein 25-jähriges Bestehen mit zwei Benefizkonzerten und einem Symposium in der Philharmonie. Infos: www.ippnw.de

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