Kultur : Tosca in der technogestylten Machtzentrale

JÖRG KÖNIGSDORF

Wo gibt es sie noch, die Tosca, um deretwillen die Fans nächtelang in Schlafsäcken vor den Opernkassen ausharren würden? Die Freni (als letzte des alten Schlages) dürfte die Rolle in ihrem verbleibenden Bühnenleben kaum mehr singen, das nachwachsende Tosca-Volk von Aprile Millo bis Georgina Lucacs bestätigt in seinem kümmerlichen vokalen und darstellerischen Abglanz nurmehr das Ende des Divenzeitalters.Schlechte Zeiten mithin für Puccinis Meisterwerk, das trotz seiner ungebrochenen Popularität eigentlich wegen Divenmangels aus den Spielplänen verschwinden müßte.

Oder Zeit für einen Neubeginn, wie ihn Nikolaus Lehnhoff in Amsterdam schafft.Und zwar gerade mit der vielleicht einzigen Sängerin, die heute noch in der Lage ist, dieser Rolle gesanglich wie darstellerisch gerecht zu werden.Doch Catherine Malfitano bietet bei aller Kunstfertigkeit ihres Spiels keine Personality-Show à la Callas, sondern ist bereit, sich in Lehnhoffs Regietheater-Konzept zu fügen.Das heißt erstmal: kein mitgebrachtes Empirekostüm samt Juwelen, sondern im dritten Akt ein schmuckloses Büßerinnenkleid.Das heißt vor allem auch eine Selbsteinordnung in eine Stückoptik, die nicht die exklusive Ausstellung der Sängerin zum Ziel hat.Das große Nachspiel im zweiten Akt nach der Ermordung Scarpias, die stärkste Herausforderung an die mimischen Talente einer jeden Tosca, funktioniert hier als beklemmendes Bild: In der technogestylten Machtzentrale sucht die kleine Figur verzweifelt eine Geheimtür, gleitet hilflos an den glattpolierten Wänden entlang, statt sich melodramatisch mit dem üblichen Aufbahrungs-tam-tam in Szene zu setzen.In diesem unerbittlichen Räderwerk der Terrorherrschaft wirken die Menschen wie Fremdkörper: Verloren stehen Cavaradossi und Tosca in der kalten Betonflucht des dritten Aktes, selbst die Exekution geschieht nur durch Schießscharten.Angesichts dieser szenischen Kühle tritt um so klarer hervor, ob die drei Hauptfiguren ihr Menschsein künstlerisch umsetzen: Richard Margison, der Cavaradossi, ist ganz der "signor tenore".Stimmlich strahlend, doch denkbar unexpressiv, ist er bloße Verhandlungsmasse, als Charakter noch uninteressanter als im Stück angelegt.Die eigentlichen Akteure bleiben Tosca und Scarpia.Daß Katherine Malfitano diese Rolle bis in die kleinste Phrase beherrscht, merkt man allenthalben, manchmal - an winzigen Vorzeitigkeiten ihrer Reaktionen - zu sehr.Ein leichtes Durchschimmern von Routine, das vielleicht auch nur angesichts von Bryn Terfels überragendem Scarpia überhaupt auffällt.

Mit einiger Skepsis war das Rollendebüt des walisischen Baßbaritons erwartet worden, auch mit der Angst, die prächtige Stimme würde dem Test der dramatischen Partie nicht standhalten.Doch Terfel gelingt ein zwingendes Porträt, gerade weil er nicht über die Riesenstimme eines Heldenbaritons verfügt.Selten nur wagt er sich ins fortissimo, auch das "Te Deum" singt er stimmschonend allein auf der Bühne.Dieser Scarpia ist ein lässiger Macht- und Genußmensch, der gewohnt ist, daß seine Untergebenen auch auf kleinste Zeichen hin parieren.Großes leistet auch Riccardo Chailly am Pult des Concertgebouw-Orchesters.Nirgends ist seine "Tosca" nur opulente Musik, Chailly wahrt bei vorbildlicher Transparenz des Klanges den szenischen Bezug der Motive, realisiert durchgehend Tempi, die naturalistische Dialoge ermöglichen.Selbst die gewaltigsten Akkorde behalten Tiefenschärfe und bleiben in ein straffes rhythmisches Grundgerüst eingebunden.Eine Aufführung, die Maßstäbe setzt und auch in Berlin als Anregung für eine überfällige Neuproduktion verstanden werden sollte.

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