Kultur : Tote Kinder Abbas Beydoun meldet

sich aus Beirut

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Abbas Beydoun schreibt abwechselnd mit Moshe Zimmermann aus Tel Aviv Es wirkt vielleicht seltsam, wenn ich inmitten dieses Chaos über mich selbst spreche. Wie viele andere habe auch ich die Ideologie des Krieges stets abgelehnt. Sogar Selbstmordattentate waren in meinen Augen nie heldenhaft, sondern eher ein Zeichen politischen Elends. Ich wandte mich an die Anhänger meiner Konfession und an meine Landsleute, doch ich suchte die Wahrheit nicht in den Aussagen der arabischen Mehrheit oder der normalen Libanesen.

Der arabische Durchschnittsbürger hat damals nicht gegen die Abenteuer Saddam Husseins protestiert, ebenso wenig wie der Durchschnitts-Israeli gegen die Beschlagnahme arabischen Landes, die Zerstörung der Flüchtlingslager oder den Bau der Trennmauer protestierte. Deshalb beziehe ich auch nicht Stellung zur Auffassung des Durchschnittsbürgers, sondern hoffe auf einen gerechteren, unabhängigeren Standpunkt wie etwa den israelischer Intellektueller gegenüber dem Massaker von Sabra und Chatila.

Ich brauche allerdings niemandes Rat, um die Tötung von Kindern abzulehnen. Sicher besteht Konsens darüber, dass dies ein Verbrechen ist – egal welchen Maßstab man anlegt. Warum waren 300 Kinder unter den bislang 700 libanesischen Toten, warum ein so hoher Prozentsatz? Die Antwort ist einfach: Weil diese Kinder mit ihren Eltern in den Wohnungen waren, als Bomben fielen. Es ist traurig, dass wir nach einer Begründung für den Tod dieser Kinder suchen. Denn wenn in einem Krieg derart viele Kinder sterben, ist das Grund genug, den Krieg sofort zu beenden. Ihr Recht auf Leben steht über jedem anderen Recht – ein Krieg der Kinder tötet, kann nie ein gerechter Krieg sein.

Die israelische Logik geht von der Behauptung aus, dass sich Hisbollahkämpfer an den beschossenen Orten befanden. Glaubt wirklich jemand, dass ein Vater seine Kinder bei sich in der Wohnung behält, aus der Katjuscha-Raketen abgefeuert werden? Dass kämpfende Väter sich hinter den Körpern der eigenen Kinder verstecken? In al-Duwair und al-Qalila, in Athroun, Marwahin, Tyros, Zabqin und Kana wurden ganze Familien ausgelöscht. In den bombardierten Häusern der Hisbollah-Führer befand sich dagegen niemand mehr. Sie hatten sich in Sicherheit gebracht. Menschen, die in ihren Wohnungen blieben, hatten gewiss kein Motiv, sich zu verstecken, sie waren ja völlig unschuldig. Bisher hat niemand an den Orten der Massaker eine Spur der Hisbollah gefunden. Doch die Erklärungen der israelischen Armee und Politiker bedeuten nichts anderes, als dass sie bereit sind, das Massaker zu wiederholen.

Wie viele Kinder hat die israelische Armee in den vergangenen zwanzig Jahren umgebracht? Eine Zahl der Schande. Welchen Grund gibt es, Kinder zu töten, außer Schrecken zu verbreiten? Ich möchte, dass auch die israelischen Kinder in Frieden leben können. Deshalb hoffe ich, dass sich andere Israelis für ihre Armee und Regierung schämen. Das Recht auf Kindheit steht über jedem anderen Recht, doch die ethische Grundlage des Staates Israel ist inzwischen ausgehöhlt. Dennoch, es gibt dort Protest-Demonstrationen – ein Versuch zur Rettung Israels, jenseits der Meinung des Durchschnittsbürgers.

Will Israel etwa, dass ich meinen Enkel in jenem Grab beerdige, das für mich vorgesehen ist? Trotzdem liebe ich auch die israelischen Kinder – und sage den protestierenden Demonstranten Dank.

Der Autor, Jahrgang 1945, ist der bekannteste Schriftsteller des Libanon und Feuilletonchef der Zeitung „As-Safir“. Aus dem Arabischen von Achmed Khammas

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