Kultur : Tote leben länger

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über die

vitale MilesDavis-Connection

Amerikanische Musiker und Komponisten haben den europäischen Jazz bis in die Sechziger- und Siebzigerjahren hinein entscheidend geprägt. Dann kehrte sich das Verhältnis sukzessive um. Bis man vor zwei Jahren sogar in der „New York Times“ lesen konnte, dass der neue Jazz nicht mehr in den USA erfunden und gespielt wird, sondern in Europa, in Paris und Oslo. Und zwar von Europäern und nicht mehr von ausgewanderten Amerikanern. Trotz dieser Entwicklung scheinen eindeutige Festlegungen auf nationalkodierte Genres und Sounds nicht zu funktionieren. Das Urteil aus New York war denn auch vor allem deshalb bemerkenswert, weil man in der „Heimat des Jazz“ nicht gewohnt ist, überhaupt über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

Doch ohne Widerspruch werden solche Urteile nicht geschluckt. Es regt sich Protest in den USA. Für den afroamerikanischen Schriftsteller Albert Murray hat Europa am Kanon des Jazz keinerlei Anteil. Murray ist entschieden der Meinung, dass man eine Musik anders nennen sollte, wenn sie nicht mehr nach Jazz klingt, wenn sie also außerhalb der Tradition eines Louis Armstrong oder King Oliver steht. Er kenne jedenfalls keinen Europäer, der einen grundlegenden Beitrag zur Charakteristik des Jazz geliefert habe. Umso mehr erstaunt einen, dass der junge New Yorker Bassist Ben Allison mit seiner „Peace Pipe“-CD im vergangenen Jahr zwar die begehrte Zielgruppe amerikanischer College-Studenten erreichte, aber beklagt, dass seine Band mit Musikern aus der New Yorker East-Side-Szene in Europa gar nicht wahrgenommen wird.

Der afroamerikanische Pianist und Bandleader Matthew Shipp , der auch Programmleiter für das Label Thirsty Ear ist, wird in Europa zur Zeit als einer der ganz wenigen innovativen Jazzer gefeiert, die die amerikanische Szene vorzuweisen hat. „Ich glaube, dass der Jazz heute stagniert“, sagt Shipp. „Man muss sich nur mal umschauen, wie stark der Einfluss der Miles-Davis-Connection heute noch ist. Von Bill Evans, John Coltrane, Herbie Hancock und Keith Jarrett bis zu John Scofield – viele wichtige Bandleader der letzten Jahrzehnte haben einmal bei Miles Davis gespielt. Seit dessen Tod hat sich zwar viel verändert, doch die offizielle Wahrnehmung ist immer noch von dem Miles-Davis-Paradigma geprägt. Es wird wohl noch einige Zeit brauchen, bis sich neue Sichtweisen durchsetzen.“

Trotz dieser historischen Erblast fühlt sich die amerikanische Szene keineswegs abgemeldet, man spricht da eher von einer längeren Phase der Neuorientierung. Dass in einer solchen Situation impulsive Durchbrüche und Grenzüberschreitungen gesucht werden und der Free Jazz ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, liegt nahe. Ob nun Matthew Shipp in New York oder Ken Vandermark in Chicago – das Free Thing ist momentan einfach cool.

Aus dem Umfeld des Saxofonisten Vandermark ist das Thread Quintett hervorgegangen. Mit seiner aktuellen Debüt-CD „Long Lines“, die auf dem Future Reference Label des Thread-Bassisten Brian Dibblee erschienen ist, kann man die Band morgen im Übereck hören (21 Uhr).

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