Kultur : Tote ohne Vermächtnis

Flucht im „Kühltransport“: Maxim Billers erstes Theaterstück in Mainz und Dresden

Hartmut Krug

Es ist eine Geschichte, die das wirkliche Leben im Zeitalter der Globalisierung schrieb. Es ist der blanke Horror – dem Gedächtnis schon wieder entglitten. Im Sommer 2000 wurden in einem Kühllaster in Dover 58 tote Chinesen gefunden. „Irreversible, cerebral anoxia“, so der Ermittlungsbefund: Tod durch Zusammenbruch der Sauerstoffversorgung des Hirns. Illegal arbeitend und immer versteckt, so reisten diese Menschen aus der südchinesischen Provinz Fujian über Russland durch Europa, um bei der Überfahrt über den Ärmelkanal ihr Leben zu verlieren.

Menschen von der Schattenseite, anonyme Opfer: Menschenmaterial. Der Schriftsteller Maxim Biller will in seinem ersten Theaterstück den unbekannten Opfern Gesichter geben. Deshalb erfindet er für sie Geschichten und Biografien. „Kühltransport“ ist keine dokumentarische Leidensgeschichte, zu der man die Moralkeule schwingen könnte, sondern das Stück entfaltet – erfundene – Lebensgeschichten von vier der Toten, die sich von einer im Umbruch befindlichen chinesischen Gesellschaft und ihren Repressionen fort zu den Verlockungen der westlichen Konsumgesellschaft sehnten. Es ist eine Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben, die erst einmal mit dem Verzicht auf jede Selbstbestimmung bezahlt wird. Weil die Flüchtigen sich an Schlepperbanden verkaufen und ihre Pässe abgeben müssen.

So steigen die Vier bei der Uraufführung von „Kühltransport“ im Mainzer Theater aus dem Zuschauerraum hinauf gegen den eisernen Vorhang. Wenn der sich vor den Wartenden schwerfällig hebt, bläst ihnen gleich ein starker Wind entgegen. Über der trostlos leeren Bühnenlandschaft laufen auf einem Leuchtband unentwegt internationale Aktienkurse, ein riesiger, drehbarer Container vor einer illuminierten Weltkarte nimmt die Unbehausten auf. Zwischen Kistenstapeln erzählen die Flüchtlinge dort einander ihr Leben. Da gibt es den schwulen Künstler und Beatles-Fan Khai, der tote Katzen verbrennt und fotografiert. Cheng studiert Medizin, musste aber seine Freundin zurücklassen. Lu will Flugzeugingenieur werden, hat sich jedoch bereits alles Geld klauen lassen, und Wang, dessen Eltern ins Umerziehungslager verbannt wurden, ist bei einem Verwandten aufgewachsen, der als Mitglied der mafiösen Schlangenkopfbande auf ihn in London wartet. Es sind komplizierte und langatmige Geschichten, aus denen Biller sein formal eher journalistisches Stück baut.

Zwanzig Szenen, filmisch montiert. Ein Theaterstück, das mit Rück- und Vorblenden arbeitet und zwischen Zeiten und Orten springt: dem Container, einer Spedition in Rotterdam, dem Landgericht Dover, einem Dorf in China und London, das die Flüchtlinge nie erreichen werden. Dabei verliert man zuweilen in der Überfülle der Informationen, Andeutungen, Spuren die Orientierung. Wenn allerdings der Vorsitzende des Landgerichtes in Dover als ein einst aus Deutschland geflohener Jude erscheint, der vor der mechanischen Korrektheit des Leichenbeschauers erschrickt, dann gibt der Autor ebenso deutliche wie beiläufige Denkanstöße.

Wulf Twiehaus, einst Assistent und Regisseur bei Thomas Ostermeier, hat das ursprünglich als Auftragswerk für die Berliner Schaubühne entstandene Stück bereits in einer Lesung beim Stückemarkt des letztjährigen Berliner Theatertreffens vorgestellt. Bei der Mainzer Uraufführung lässt sich Twiehaus zum Glück auf keine Spekulationen mit dem Grauen – dem Erstickungstod im Container – ein. Er zeigt Individuen in ihrer Haltung zur Welt. Twiehaus vertraut dem Text, den er zu einer Art magischem Realismus weiterentwickelt.

Regisseurin Nora Somaini dagegen läuft bei der zweiten Inszenierung von „Kühltransport“ in Dresden voll in die Fallen des Stückes hinein. Im Theater in der Fabrik, der eigenständigen kleinen Spielstätte des Staatsschauspiels, in der schon viele Stücke mit radikalem Formalismus und starkem Körpertheater für die Bühne gewonnen wurden, verheddert sich die Inszenierung in den Figuren und Bedeutungen und dem Wechsel der Spielorte. Atmen gegen Luftknappheit, Ausziehen gegen Hitze, Plastiktüten mit chinesischen Gesichtern über den Köpfen vor dem Ersticken: Das sind plakative Zeichen, die eine in ihrer ungegliederten Textflut erstickende Dresdner Aufführung doppelt lähmend wirken lassen.

Die Mainzer Uraufführung dagegen rettet den allzu langatmigen Bühnenerstling von Maxim Biller durch ihre klaren Bilder. In Mainz wird mit einfachen Theatermitteln eine entsetzliche Geschichte erzählt, ganz ohne szenische Mätzchen. Das mag nicht aufregend wirken, aber es hilft dem Stück. Und es gibt den unbekannten Opfern Würde.

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