Kultur : Tote Seelen

Immer wieder ist Brandenburg Schauplatz unvorstellbarer Tragödien. Eine Topografie des Horrors

Frank Jansen

Der Mann hat Mut. Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm sagt, dass das Bundesland immer noch unter der „Verproletarisierung“ leide, die das SED-Regime betrieben hat. Schönbohm äußerte dies im Tagesspiegel angesichts der unfassbaren Tötung von neun Säuglingen durch eine Mutter in der Region Frankfurt (Oder). Prompt kassiert der CDU-Politiker Prügel, als Erstes von der Linkspartei, aber auch von der SPD und der Union. Es wäre zu einfach, Schönbohms Ansichten als weltfremden Unsinn abzutun. Auch wenn seine Erklärung nur eine der vielen bitteren Wahrheiten enthält, die Teile der politischen Klasse und der Bevölkerung verdrängen. Doch wer sich mit Brandenburg über einen langen Zeitraum befasst, sieht nicht nur idyllische Landschaften, sanierte Städte, Dörfer und Straßen. Man stößt auch auf eine Topografie des Horrors. Des eklatanten Mangels an Mitgefühl, der mentalen Verwahrlosung, der Gewalt bis hin zum Exzess.

Die „Proletarisierung“, so pauschal es auch klingt, gehört zu der unheimlich anmutenden Grundströmung, die in Teilen Brandenburgs Mentalitäten prägt. Die Symptome sind vielfältig. Im Juli 1999 lässt eine Mutter in Frankfurt (Oder) ihre zwei kleinen Kinder in der Wohnung verdursten. Die beiden brüllten und wimmerten, doch kein Nachbar greift ein.

Im August 2001 quälen fünf junge Männer in Dahlewitz südlich von Berlin den Obdachlosen Dieter Manzke zu Tode. Einer der Täter erzählt dem psychiatrischen Gutachter, er sei neugierig gewesen, „wie das ist, wenn man jemanden schlägt“. Im Juni 2002 entführen vier Rechtsextremisten den betrunkenen Dachdecker Roland Masch. Auf einem Feld nahe der Ortschaft Neu Mahlisch wird der wehrlose Mann zusammengeschlagen, dann sticht ein Skinhead auf ihn ein – etwa 40-mal. Hinterher schwärmt der Täter vom „Blutrausch“. Obwohl mehrere Personen davon erfuhren, informiert niemand die Polizei.

Einen Monat später foltern im uckermärkischen Dorf Potzlow drei junge Kahlköpfe den Schüler Marinus Schöberl. In einem stillgelegten Schweinestall springt ein Skinhead dem Opfer mit voller Wucht ins Genick. Kurz danach versenken die Schläger den Toten in einer Jauchegrube, die Leiche wird erst Monate später gefunden. Dass der Junge verschwunden war, interessierte in Potzlow kaum jemanden. Im März 2003 misshandeln drei Skinheads in einer Wohnung in Frankfurt (Oder) den einstigen Punk Enrico Schreiber. Kurz nach der Tortur verblutet er im Frankfurter Klinikum. Ob der Tod hätte verhindert werden können, wäre das Opfer nicht auch noch im Krankenhaus aus dem Bett gefallen, bleibt ungeklärt. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen das Klinikum eingestellt.

Im Juni 2004 foltern drei Skinheads in Frankfurt (Oder) den früheren Punk Gunnar S. Zwei junge Frauen sind dabei, sie lachen und feuern die Täter an. Gunnar S. überlebt nur knapp. Im gleichen Monat wird in Cottbus die halb verweste Leiche des sechsjährigen Dennis gefunden. Die Mutter hatte das Ende 2001 vermutlich an Entkräftung gestorbene Kind in einer Kühltruhe versteckt. Weder die Familie noch Verwandte oder Freude forschen nach dem Jungen. Dann kam der der 1.August 2005: der Tag, an dem in Brieskow-Finkenheerd neun Babyleichen gefunden werden. Und wieder fragt man sich, ob es menschenmöglich ist, dass die Umgebung der Mutter von neun Schwangerschaften nichts mitbekam.

Antworten gibt es darauf nicht. Künstler versuchen, sich dem anzunähern, wo rationale Erklärungen versagen. So weist Aelrun Goettes Dokumentarfilm „Die Kinder sind tot“ von 2004 über die Mutter, die in Frankfurt (Oder) ihre Söhne verdursten ließ, erschütternde Parallelen zum aktuellen Frankfurter Drama auf: die Ignoranz der Nachbarn, die entfremdete Umgebung einer Plattenbausiedlung, die Scham der Mutter, die ihre Überforderung verheimlicht. Und der Filmemacher Andres Veiel hat in Berlin in seinem Doku-Theaterstück „Der Kick“ den Fall von Potzlow aufgerollt: eine Studie der Verrohung und der Gleichgültigkeit.

Der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover, Christian Pfeiffer, nennt eine erschreckende Zahl. In Ostdeutschland sei für Kinder unter sechs Jahren das Risiko, getötet zu werden, statistisch dreimal so hoch wie im Westen. Brandenburg befinde sich bei den Ost-Werten „in der Mitte“. Und schon 1999 sagte der Kriminologe, die autoritäre Erziehung in der DDR sei Hauptursache für die hohe Zahl von ausländerfeindlichen Gewalttaten im Osten. Seine Äußerung sorgte für Aufruhr. Bei Veranstaltungen in ostdeutschen Städten wurde Pfeiffer beschimpft.

Lässt sich solche Wut auf die „Besserwessis“ mit „Proletarisierung“ erklären? Was bedeutet das Wort überhaupt? In den fünfziger Jahren erzwang das SED-Regime die Kollektivierung der Landwirtschaft. Heiner Müller hat in seinen frühen Theaterstücken den unheimlichen Übergang von der Nazi-Diktatur zur DDR in Szene gesetzt. Dennoch ist die Frage, warum sich in Brandenburg mit seinen gerade mal 2,5 Millionen Einwohnern exzessive Gewaltverbrechen so auffällig häufen wie nirgendwo sonst in der Republik, damit nicht beantwortet. Der Blick in die Historie muss weiter reichen.

Die Mark Brandenburg war seit Jahrhunderten ein eher ärmliches Bauernland. In weiten Regionen dominierten Großgrundbesitzer. Die Nazis änderten daran nichts. Erst nach Kriegsende wäre es möglich gewesen, mit einer klugen Politik der Umverteilung von Land den Aufbau eines selbstbewussten Bauerntums zu ermöglichen. Das vermutlich konservative Werte vertreten hätte. Das wäre immer noch menschenfreundlicher gewesen als das totalitär geprägte Kolchosensystem der SED, das den Landwirt zum proletarischen Befehlsempfänger in „Produktionsschlachten“ degradierte. So wurden in der DDR auf dem Land traditionelle autoritäre Denkmuster zementiert.

Im Falle Brandenburgs kam erschwerend hinzu, dass es kaum eine Chance für die Entwicklung eines liberalen, städtischen Bürgertums in den sowieso höchstens halbgroßen Kommunen wie Potsdam oder Cottbus gab. Die SED setzte auch hier mit ihren Enteignungskampagnen auf Gleichmacherei, die von der Partei durchaus als Prozess der Proletarisierung verstanden wurde. Auch Ost-Berlin konnte trotz seines enormen Eigengewichts kaum auflockernde Impulse ins Umland senden. Brandenburg, zudem von der SED in drei „Bezirke“ zerschlagen, blieb eine niedergedrückte Gesellschaft. Es war übrigens 1988, ein Jahr vor dem Fall der Mauer, als die Mutter der neun toten Babys erstmals einen Säugling umgebracht hat.

Die autoritäre Prägung weiter Teile der brandenburgischen Bevölkerung scheint auch nach der Wende kaum nachgelassen zu haben. Daran trägt der Westen eine Mitschuld: Demokratie wurde vor allem als Synonym für Wohlstand und „blühende Landschaften“ vermittelt. Als sie sich nicht per Knopfdruck einstellten und vielmehr die ostdeutsche Wirtschaft zusammenbrach, war für viele die Demokratie diskreditiert.

Dem trotzigen Rückgriff auf das alte, einfache Lösungen vorgaukelnde autoritäre Denken hat die neue politische Klasse zu wenig entgegengesetzt. Anstatt eine intensive, aufklärerische Kommunikation mit der Bevölkerung zu betreiben, verließ man sich meist auf den möglichst raschen Aufbau des üblichen bundesdeutschen Politikbetriebs. Die PDS spielte, trotz anders tönender Parolen, durchaus mit.

Viele Ostdeutsche fühlen sich in ihrer eigenen Heimat fremd und oft überfordert. Das macht gleichgültig oder aggressiv, auch gegen sich selbst und sogar die eigenen Kinder. Ein Drama, das von der Politik, den Medien und der Kultur nur halbherzig wahrgenommen wird. Tragödien wie die in Brandenburg gibt es an vielen Orten. Aber nirgendwo sonst so oft.

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