Kultur : Tote wollen keine Rache

Vom heiklen Umgang der Bundesrepublik mit ihrer NS-Geschichte: Ferdinand von Schirachs Roman „Der Fall Collini“

Es ist ein schöner, richtiger Satz, den am Ende dieses Romans und nach der entscheidenden Prozesswendung der Angeklagte zu seinem Anwalt sagt, nachdem ihm Zweifel gekommen sind, ob er auch wirklich gewonnen habe: „Bei uns sagt man, dass die Toten keine Rache wollen, nur die Lebenden wollen sie.“ Anwalt und Mandant bestätigen sich schließlich, was eigentlich nicht nötig ist, wie klug dieser Satz doch ist – und Ferdinand von Schirach lässt daraufhin noch, was auch nicht nötig gewesen wäre, sein Debüt als Romancier mit einem letzten Kapitel und einem nicht weiter überraschenden Selbstmord ausklingen.

Um Rache geht es in diesem Roman, der schlicht „Der Fall Collini“ heißt. Um einen Mord, der zunächst scheinbar grundlos begangen wird. Um Partisanenerschießungen 1943 in Italien durch deutsche Truppen – und um ein dunkles Kapitel deutscher Justizgeschichte, in dessen Mittelpunkt ein Gesetz von 1968 steht, das die Verbrechen von Nazi-Mordgehilfen auf einen Schlag verjähren ließ.

Der Berliner Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach ist also nach seinen erfolgreichen, auf wahren Begebenheiten aus seiner Anwaltspraxis beruhenden Erzählbänden „Verbrechen“ und „Schuld“ wieder in seinem thematischen Element. Er hat nun aber für den „Fall Collini“ die Form des Romans gewählt. Das muss ihm ein Bedürfnis gewesen sein, hat aber viel von einem Etikettenschwindel. Denn „Der Fall Collini“ ist nicht mehr als die verlängerte Version einer typischen Von-Schirach-Erzählung; eher eine Novelle, deren unerhörte Begebenheit der Mord an dem vermeintlich unbescholtenen deutschen Industriellen und Bundesverdienstkreuzträger Hans Meyer ist, begangen von dem unbescholtenen, 1934 geborenen italienischen Werkzeugmacher Fabrizio Collini im Berliner Hotel Adlon. Collini tut alles, um gefasst, und nichts, um verteidigt zu werden. Geschweige denn, dass er eine Erklärung für seine Tat abgeben will.

Der Einstieg in seine Geschichte gelingt von Schirach also gut, wenngleich sich der Leser (anders als später im Buch die Polizei und das Gericht) sofort fragt, warum Collini seinem Opfer in den Hinterkopf geschossen hat? Oder warum im Verlauf des Romans nie davon die Rede ist, dass dies an eine Exekution erinnert?

Nach dem Einstieg gibt es einen Bruch. Ferdinand von Schirach führt sehr bemüht seine Hauptfigur, den jungen Berliner Anwalt Caspar Leinen, der Collinis Pflichtverteidiger wird, nicht nur mit dem Täter, sondern auch mit dem Opfer zusammen. Dafür muss er ausholen, muss er Sätze wie diesen schreiben: „Und plötzlich war alles wieder da: Roßthal, das helle Grün unter den Kastanienbäumen, der Geruch des Sommers, als er noch ein Junge war.“

Leinen erinnert sich. Man erfährt, dass besagter Hans Meyer der Großvater seines besten Freundes Philipp und dessen Schwester Johanna war, „der einzige in Roßthal, der sich mit den Kindern beschäftigte“, eine Art Ersatzvater, ein Freund. Und Meyer muss wie Leinen einen schweren Schicksalsschlag bewältigen: Philipp und seine Eltern kommen nach einem Verkehrsunfall ums Leben. Ja, und dann soll Leinen gleich bei seinem ersten Fall ausgerechnet den Mörder seines väterlichen Freundes verteidigen: „Der Mann hatte in Meyers Kopf geschossen, vier Mal, er war schuld, dass die Gerichtsmediziner seinen Freund zerschnitten und zu einem Fall gemacht hatten. (...) Das Gesetz verlangt zu viel von mir, dachte Leinen, ich kann ihn nicht verteidigen, ich kann ihn kaum ansehen.“

Leider schlägt von Schirach aus diesem Dilemma kaum Funken. Leinen kann alles, ohne in größere Konflikte zu geraten, zumal Meyer eben keine weiße Weste hatte und als SS-Sturmbannführer in Italien zugange war. Wie aber passt der liebevolle, sich um die Kinder kümmernde Freund mit dem brutalen, die Befehle seiner Vorgesetzten ausführenden SS-Mann von ehedem zusammen? Wie verhält es sich in diesem Fall mit Verbrechen und Schuld? Diese Fragen stellt sich von Schirachs Held kaum. Es sei denn, die Verteidigung Collinis ist eine Antwort.

Von Schirach hat mit „Der Fall Collini“ eine Fallgeschichte geschrieben, so wie in seinen zwei Erzählsammlungen, eine Geschichte, die dieses Mal eine historische ist, in der Gut und Böse relativ klar zu erkennen sind und die die Bruchstellen des bundesrepublikanischen Umgangs mit der NS-Vergangenheit aufzeigt. Das Problem ist nur, dass er zudem versucht, in diese Fallgeschichte einen kleinen Erziehungsroman zu integrieren über jenen so hochtalentierten Caspar Leinen. Dem stehen im Justizwesen alle Wege offen, der will aber unbedingt den beschwerlichsten gehen, den des Strafverteidigers – und der muss sich bei allem persönlichen Involviertsein gleich noch mit einem erfahrenen, vor allem höchst erfolgreichen Kollegen messen, der die Nebenkläger vertritt.

Das alles bleibt merkwürdig blass. Von Schirach erzählt zwar gekonnt unterkühlt. Er ist immer dann überzeugend, wenn er sich in seinem Milieu bewegt, in der Gerichtsmedizin, im Gerichtssaal. Oder wenn er schließlich seinen Helden die justizhistorische Dimension des Falles aufrollen, Motive und Werdegang seines Mandanten darstellen lässt. Doch was einen Hans Meyer seinerzeit getrieben haben mag, wie es jahrzehntelang um den Gefühlshaushalt eines Fabrizio Collini bestellt war, all das blendet der Roman aus.

„Bin ich das alles auch?“ fragt die Meyer-Enkelin Johanna stellvertretend für ihre Generation, um von Leinen die vage, nichtssagende Antwort zu bekommen: „Du bist, wer du bist.“ Offensichtlich wird immerhin: In der Erzählwelt eines Ferdinand von Schirach gehen die Sieger immer leer aus. Hier gibt es von vornherein nur Verlierer.

Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini. Roman. Piper Verlag, München 2011.

195 Seiten, 16,99 €.

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