Kultur : Totentanz

Sophiensäle: Die Banalität von Selbstmordattentaten

Peter Laudenbach

Man geht mit einem leichten Unbehagen zu Hans-Werner Kroesingers Inszenierung „suicide bombers on air. Primetime“ in die Sophiensälen, ein Theaterabend, in dem es um palästinensische Selbstmordattentäter, um eine traumatisierte Gesellschaft und Massaker in Flüchtlingslagern geht. Harter Stoff. Um das Publikum langsam in die Konfliktlage hineinzuziehen, beginnt die Aufführung, ohne dass man es so richtig bemerkt. Im Foyer tanzen Judica Albrecht und Armin Dallapiccola zu arabischem Elektropop und erst nach einiger Zeit versteht man, dass sich hier ein potenzieller Selbstmordattentäter für eine „Märtyreroperation“ bewirbt. Weshalb er ein Attentat begehen will, ob er gläubig ist, ob er sich auf die siebenundzwanzig Jungfrauen freut, die im Himmel auf ihn warten, will die Tänzerin von ihrem Kavalier wissen. Ein Totentanz, und eine etwas abgeschmackte Metapher. Schlüssig wird dieses makabre Ineinander von Popkultur und politisch-religiösem Amoklauf, als der angehende Attentäter erzählt, dass seine Freundin nach der „Aktion“ überall Poster mit seinem Gesicht plakatieren will: „Du wirst bekannter sein als Robbie Williams.“ Der Attentäter als Popstar, der Wunsch, als „Märtyrer“ zu sterben als eine Art jugendliche Subkultur. Das ist die erste Irritation dieses Vorspiels. Die andere liegt in der Sachlichkeit, mit der der Kandidat getestet wird, ein Routinevorgang. Selbst der Bruch mit allen zivilisatorischen Normen, der in der Verzweiflungsgeste eines Selbstmordattentats liegt, braucht seine Organisationsmechanik.

Zur eigentlichen Aufführung gelangt man durch eine Sicherheitsschleuse. Die Bühne (Valerie von Stillfried) montiert verschiedene Zeiten und Zeichenebenen ineinander. In zwei Vitrinen liegen Fundstücke archäologischer Ausgrabungen. Plastikschalensitze wie auf Flughäfen oder an Bushaltestellen, dazu Gepäckstücke, Rollkoffer und Rucksäcke verweisen auf Terroranschläge. Die banalen Alltagsgegenstände haben ihre Unschuld verloren, die Normalität ist zerstört, in der ein Rucksack nichts als ein Rucksack und keine potenzielle Tarnung für eine Sprengladung ist. In den Zuschauerreihen, an einem kleinen Tisch vor vier Mikrophonen, findet eine Radiodiskussion („Radio Freies Jerusalem“) unter Palästinensern statt. Die Schwester eines Selbstmordattentäters (Tjadke Biallowons) erzählt stolz und hysterisch von der Heldentat: „Meine Brüder und ich beteten für den Erfolg seiner Märtyreropperation.“ Ein Vater (Uwe Schmieder) beklagt den Tod seines Sohnes, eine Soziologieprofessorin (Judica Albrecht) und der Moderator (Armin Dallapiccola) verwalten professionell den Diskurs. Auch hier betont die Aufführung vor allem die gespenstische Normalität: Selbstmordattentate sind etwas, worüber im Radio in Pro-und-Contra- Debatten diskutiert wird. Das konkrete Setting löst sich auf, als die Schauspieler zu spröden, abstrakten Bewegungsabläufen sehr unterschiedliche Texte ineinander montieren: Jean Genets Beschreibung der Toten eines Massakers in einem palästinensischen Flüchtlingslager, die spirituelle Anleitung der Selbstmordattentäter vom 11. September („Öffne Dein Herz“) und, als historische Analogie, den Selbstmordaufruf an die Verteidiger der jüdischen Festung von Massada. Ein gespenstischer, ratloser Theaterabend.

Wieder heute sowie bis 23.2.

0 Kommentare

Neuester Kommentar