Kultur : Totentrompeten

Wo spielt nach 2008 noch die Musik? Berlins Orchester sollen neun Millionen Euro sparen. Aber wie?

Frederik Hanssen

Man kann es auch die Globalisierung der Berliner Klassikkultur nennen: Wenn Berlin tatsächlich neun Millionen Mark bei der Subventionierung der Orchester streicht (wie es die mittelfristige Finanzplanung bis 2008 vorsieht), ist es nämlich mit der „Welthauptstadt der Musik“ vorbei. Dann hat die Stadt in Sachen Sinfonik nichts mehr, was sie von anderen Metropolen abhebt – nur mit dem Unterschied, dass das Klassikangebot eines der wenigen Trümpfe Berlins ist.

Derzeit spielen in Berlin 957 Musiker in neun Orchestern. Wenn fast ein Viertel von den 34 Millionen Euro Subventionen, die der Senat dafür jetzt noch zahlt, gekürzt werden (und man das Orchester des Friedrichstadtpalasts sowie die Opernorchester abzieht, die schon im Rahmen der Opernstrukturreform bluten), trifft der Schlag die fünf Konzertorchester: Von 540 Musikerstellen würden dann 140 gestrichen. 3,3 Millionen Euro sollen eingespart werden, wenn die Berliner Symphoniker (71 Planstellen) zum Ende der kommenden Saison keine Zuschüsse mehr erhalten. Das geht, da die Symphoniker als Verein organisiert sind. Bleiben noch 5,7 Millionen Euro, die ab dem Jahr 2006 „abgeschmolzen“ werden müssen. Legt man die Summe auf die verbleibenden Orchester um – also auf die Berliner Philharmoniker (128 Stellen), das Berliner Sinfonie-Orchester (113 Stellen, mit Sitz im Konzerthaus) sowie das Deutsche Symphonie-Orchester und das Rundfunk Sinfonieorchester (je 114 Stellen, in der ROC, der Rundfunkorchester und -chöre GmbH, organisiert), dann gehen alle vier Ensembles ein: Weil pro Orchester rund 30 Stellen herausgebrochen würden. Übrig blieben verkrüppelte Klangkörper, nicht mehr konkurrenzfähig, weil sie in der reduzierten Form die Werke, die man von ihnen erwartet, kaum noch aufführen könnten.

Doch selbst in dem Fall, dass man mit Bedacht (und nicht pseudogerecht-paritätisch) spart, werden zwei Orchester geschlossen werden. Welche? Man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass für die beiden Berliner Konzertsäle je ein Hausorchester genügt, und dass Rundfunkanstalten seit der Erfindung der Langspielplatte keine eigenen Orchester mehr brauchen. Man könnte meinen, es sei zeitgemäßer, Projektförderung an Spezialensembles für Neue und Alte Musik zu vergeben, als vier Konzertorchester mit identischem Repertoire zu alimentieren. Doch selbst dann ist die geforderte Summe nicht zusammenzubringen – weil Berlin in der Rundfunkorchester und -chöre GmbH eben nur Minderheits-Teilhaber ist.

„Subventionen“, war vor wenigen Tagen im Wirtschaftsteil des Tagesspiegels zu lesen, „sind Leistungen des Staates, mit denen die Politik ein bestimmtes Ziel erreichen will.“ Wenn der Stadtstaat Berlin also seine Zuwendungen für die Orchester massiv zusammenstreicht, können zwei Ziele dahinter stecken: Einerseits mag die Kürzungsandrohung als Druckmittel gedacht sein, mit der die betonharte Interessenvertretung der Orchestermusiker an den Verhandlungstisch gezwungen werden soll. Es könnte sich bei der Aktion aber auch um einen Schritt in Richtung Osterweiterung der EU handeln: Je weniger Staatsorchester es in Berlin gibt, desto mehr Musiker aus Polen, Tschechien und Russland werden in die deutsche Hauptstadt strömen. Schon jetzt bestreiten fast alle Laienchöre ihre Konzerte mit den guten, aber äußerst günstigen Orchestern aus den östlichen Nachbarländern. Wenn die Chose so gedacht ist, könnte Berlin bald gemeinsame Demonstrationen von hauptstädtischen Orchestermusikern und brandenburgischen Bauern erleben.

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