Kultur : Tour de Crime: Die schwarzen Engel

Aus der Tagesspiegel-Kolumne "Montag links oben"<p

Der August war ein schlechter Monat für das Verbrechen. Nicht weil die Polizei so viele Verbrecher gefaßt hätte. Sondern weil soviel Häßliches, Dilettantisches und Dummes geschehen ist, das jeden wahren Begriff von Verbrechen hinunterzieht. Da standen an vorderster Front die strammen Maxe zwischen Wuppertal und Gera, über deren allnächtliche Ausraster die Medien sorgfältig Tagebuch führten. Viel zuviel Lärm um ein paar Rotznasen, die gern groß und gefährlich wären und denen doch nur die Angst vor der eigenen Nichtigkeit ins Hirn geschissen hat.

Nein, mit wahren Verbrechern haben diese braunen Terrortubbies nichts zu tun. Der wahre Verbrecher ist ein Ritter von der einsamen Gestalt. Er tritt nicht in prügelnden Horden auf, er säuft sich keinen Mut an, bevor er zuschlägt. Er tut, was er tut, nicht, um einem Führer zu gefallen. Der wahre Verbrecher lebt nur für sich. In seinem eigenen Kosmos, seinen eigenen Gesetzen folgend. Und das macht ihn zu einem großen Charakter. Zu einem größeren Charakter als der "gute" Held je sein könnte: Der weiße Engel kämpft für ein edles, fernes Ziel. Das Ziel des schwarzen Engels ist einzig und allein er selbst. Der schwarze Engel ist der wahre Autonome. Im Verbrecher begrüßen wir unsere Sehnsucht, uns aus dem Spinnennetz des Sozialen zu befreien. No more Rücksichtnahme auf Mitmenschen, die uns den letzten Nerv rauben, no more Regeln befolgen, die wir für beschränkt halten, sondern einfach die beiden Magnums aus dem Wandschrank holen und losziehen. Und nicht mehr zurück. Verbrechen ist eine Lebenshaltung. Alles andere sind Kinkerlitzchen. Vor den Taten eines Verbrechers stehen wir, wie wir vor dem feuerspeienden Ätna oder dem Schlußchor aus Wagners "Lohengrin" stehen: Schaudernd wollen wir uns abwenden, aber es gelingt uns nicht: Wir schauen hin, fasziniert. Verbrechen ist erhaben.

Der August war ein schlechter Monat für das Verbrechen. Dabei begann es in der Hauptstadt vielversprechend: am 1. 8. kommt ein Achtzigjähriger aus Rheinland-Pfalz mit dem ICE nach Berlin gereist, um sich am Babystrich in der Kurfürstenstraße erschlagen zu lassen. Lulu läßt grüßen. Wenn auch kein direkter Kandidat für das Verbrechen des Monats, so muß dieses Ereignis doch als ernsthafter Kandidat für den Abgang des Monats betrachtet werden. Schwieriger wird es, wie man den Überfall auf eine Neuköllner Bäckerei bewerten soll: Am frühen Morgen des 5. 8. bricht ein ehemaliger Angestellter in die Backstube ein, um seinen Ex-Chef zu bedrohen und ihm den Laptop zu klauen. Blöder Racheakt oder Verzweiflungstat eines verkannten Dichters? Ganz gleich wie: in der Rubrik "Raub" das originellste Verbrechen. (Mit einem großen Fragezeichen versehen müssen wir den Versuch von drei jungen Männern, in der Nacht vom 16. auf den 17. 8. ins Bode-Museum einzubrechen. Auf dem sicheren letzten Platz hingegen landen die Täter, die in einen Zeitungskiosk einbrachen, um mehrere BVG-Karten zu stehlen - auch wenn wir angesichts der Preispolitik der BVG für die Aktion Verständnis haben.)

In der Disziplin "Mann beißt Hund" gewinnt der Kaufhaus-Detektiv, der einem verhinderten Ladendieb bis auf die Straße folgte und ihn dort niederstach. Und wenn wir schon einmal auf diesem Niveau angekommen sind: Am späten Abend des 20. 8. bissen in Heiligensee zwei aus einem Zwinger geflüchtete Hunde eine Katze tot.

Wie schlimm es um das Verbrechen in der Hauptstadt im Monat August wirklich bestellt war, macht folgender Fall deutlich: Ein Mann raubt ein Bank aus. Mit einer Granate in der Hand. Am nächsten Tag läßt er sich schnappen und erklärt den Polizisten, er sei halt so hoch verschuldet und habe in dem Überfall seinen letzten Ausweg gesehen. Um zu verhindern, daß solch arme unschuldige Menschen künftig in die Kriminalität abrutschen, sollte der Senat vielleicht eine Präventivgruppe für Bankraubgefährdete einrichten.

Über die Grenzen des engen Berlin hinausblickend, blitzte Ende des Monats für einen Moment doch noch die Hoffnung auf, ein echtes Element of Crime entdeckt zu haben: Iris Radisch und ihre Mehr-als-Bereitwilligkeit, den Platz im Literarischen Quartett einzunehmen, den Sigrid Löffler Anfang des Monats im gerechten Zorn geräumt hatte. War sie endlich gefunden, die große Gnadenlose, die sich über alle Grenzen von Würde und Anstand hinwegsetzt, um nur sich selber Maß und Ziel zu sein? Ach ja. Wenn man dann mitansehen mußte, wie wacker die Deutsch-Leistungskurs-Beste R. dem wohlwollenden Oberstudiendirektor R.-R. widersprach, war es wohl doch nur ein Mädel auf der Suche nach dem verlorenen Steigbügel, das man da gefunden hatte.

Angesichts dieser tristen Monatsbillanz bleibt uns nur noch eins: Seien wir froh, daß wir Helmut Kohl haben. Wenn schon keinen Berliner Etappensieger, dann wenigstens in der Gesamtwertung der Tour de Crime einen, der das gelbe Trikot souverän verteidigt. Vielleicht wird der September besser.

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