Kultur : Tour de Lance

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Von Alexander Klose

„Der große Sport fängt da an, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein.“, schrieb 1928 Bertolt Brecht. „Ich bin gegen alle Bemühungen, den Sport zum Kulturgut zu machen. Ich bin für den Sport, weil und solange er riskant (ungesund), unkultiviert (also nicht gesellschaftsfähig) und Selbstzweck ist.“ Der Dichter konnte sich mit seinem Plädoyer nicht durchsetzten. Heutzutage versucht man in Werbekampagnen die übermenschlichen Leistungen herausragender Sportler als Vorbild zu präsentieren.

Selbstverständlich setzt man voraus, dass die Welt des Hochleistungssports eine Art vergrößertes Doppel unser eigenen, kleinen Welt darstelle. Im Fernsehen debattieren Experten aus Politik, Fußball und Journalismus, ob der Schwung und die gute Stimmung im Lande, verursacht durch das unerwartet gute Abschneiden bei der Fußballweltmeisterschaft, in eine bessere Konjunkturlage transformiert werden können. Die ganze Nation ist süchtig nach Sportübertragungen. Da platzt die Nachricht von Jan Ullrichs positivem Dopingbefund in die Erwartungshaltung vor dem Beginn der diesjährigen Tour de France am heutigen Samstag und trübt - wieder einmal - das Bild von der schönen heilen Bürgerheldenwelt. Zwar hatte der einzige wirkliche Konkurrent des Tour-Favoriten Lance Armstrong bereits vor Wochen seine Teilnahme abgesagt. Aber da gibt es ja noch die anderen Jungs vom Team Telekom, allen voran Erik Zabel, die das Engagement des Unternehmens und des Staatsfernsehens begründen. Jetzt sieht man sich wieder einmal mit der unangenehmen Ahnung konfrontiert, dass die sportliche Großtat nicht vom Brot allein lebt, sondern vom Gift leistungssteigernder Chemikalien.

Bei der Tour de France sind die „deutschen Tugenden": Willensstärke, Disziplin, Teamgeist, Leidensbereitschaft - Teilnahmevoraussetzung. Ein Radrennen diesen Ausmaßes durchzustehen heisst vor allem: unermüdlich arbeiten, die Schmerzen aushalten.

Die großen Radrennen grüßen aus einer Zeit in die unsrige herüber, als Fabrikarbeit zum Maß aller Produktivität wurde. Die Etappen setzen sich nicht nur metaphorisch zusammen aus Blut, Schweiss und Tränen. Deshalb stellte sich die Frage des Dopings von der ersten Tour im Jahr 1903 an; und zunächst anders, als wir das heute in der Regel betrachten. Als Tom Simpson bei der Tour 1967 tot vom Rad fiel, hatte er einen Drogen-Cocktail im Blut, den man eher bei dem Besucher einer zweitklassigen Rock´n Roll-Party erwarten würde. In einem berühmten Interview, das die Gebrüder Pelissier am 27.Juni 1924 dem französischen Sozialreporter Albert Londres gaben, nachdem sie aus Protest über die schlechte Behandlung der Fahrer aus dem Rennen ausgestiegen waren, heißt es: „Sie haben keine Vorstellung von dem, was die Tour ist; es ist ein Leidensweg. Der Kreuzweg hat nur vierzehn Stationen, unserer fünfzehn.“ Danach gaben die Profiradsportler dem Reporter Einsicht in ihre Reiseapotheke, die von Chloroform über Kokain bis zu ominösen Pillen reichte, die sie nur als „Dynamit“ bezeichneten. Der „Kreuzweg“ in diesem Jahr hat 20 Stationen.

Als Jan Ullrich bei der Tour 1997 gewann, hatten wir einen neuen Nationalhelden. Doch dann kam Lance Armstrong, der Totgesagte und Wiederauferstandene, und siegte seit 1999 dreimal in Folge. Wie Ullrich hatte Armstrong schon in jungen Jahren große Erfolge eingefahren, doch beobachtete man an ihm eine gewisse Disziplinlosigkeit und Unbeständigkeit. Dann ereilte ihn eine Krebserkrankung. Und als er diesen Gegner bezwungen hatte, kehrte er stark wie nie zuvor ins internationale Renngeschehen zurück.

Bei der diesjährigen Tour ohne Jan Ullrich befindet sich Lance Armstrong nach Ansicht vieler Experten in einer so überragenden Favoritenrolle, dass man die Große Schleife schon vor Beginn getrost in "Tour de Lance“ umbenennen könnte. Er vereint Sir Lancelot und Neil Armstrong in einer Person, den epischen und mystische Held des Mittelalters mit dem neuzeitlichen Grenzenüberschreiter, dessen kleiner Schritt ein großer für die Menschheit war.

Er ist der Messias unter den Radprofis. Nachdem er 1997 seine Krebserkrankung überwunden und 1999 zum ersten mal die Tour gewonnen hatte, schrieb er ein Buch, das den deutschen Titel trägt: „Tour des Lebens". In diesem Buch, das in den Vereinigten Staaten 24 Wochen die nationale Bestsellerliste anführte , schreibt Armstrong: „Wenn es einen Grund für das durch Krebs verursachte Leiden gibt, dann diesen: Es soll aus uns bessere Menschen machen.“ Dass Saint Lance, wie ihn seine Verehrer auch nennen, der beliebteste Sportler Amerikas ist, liegt daran, dass er sein persönliches Leiden in eine Erfolgsgeschichte transformieren konnte. Wie sein langjähriger Trainer und Vertrauter Chris Carmichael sagt: „Die Leute glauben, Lance hat von der Erde abgehoben und ist unverwundbar geworden.“ Auch auf der Tour begegnen ihm viele wie einem Heiligen. Sie kommen mit ihren kranken Kindern oder Eltern, sie bitten Mitglieder seines Teams, ihm Botschaften zu übermitteln.

Es gibt viele Wege in den Radsporthimmel. Doch den von Armstrong hat noch keiner vor ihm genommen. (Wiewohl auch Armstrong in den Verdacht des Dopings gekommen ist.) Wenn er 2002 wieder gewinnt, gehört er zu den Allergrößten. Er wäre ein würdiger Held für die Tour de France so kurz vor ihrem hundertjährigen Jubiläum im nächsten Jahr. Konsequent nach den Erfordernissen der Medien gestaltet, hat die Tour seit ihrem Beginn von der Aura ihrer Sieger gelebt; keine richtungsweisende Entscheidung, die nicht der Quote geschuldet gewesen wäre. Und die Quote wollte: Helden. Auch wenn sich schon in den 20er Jahren in dem Tour de France-Roman „Giganten der Landstraße“ André Reuze über die fortschreitende Kommerzialisierung beschwerte: „Wie überall, so muß auch beim Rennsport die Flagge die Ware decken, und die Helden der Landstraße sind letzten Endes nichts weiter als rasende Plakatsäulen.“

Die konsequente Verschränkung der Interessen der Industrie und der Erwartungen der Rezipienten in einer perfekten massenmedialen Inszenierung hat immer mindestens den einen herausragenden Fahrer hervorgebracht, der das materialistische Fundament der Veranstaltung vergessen machte. Die „heroische Phase“ der Tour, als die Fahrer bei der Pyrenäenüberquerung noch der Gefahr gewärtig sein mussten, von Bären angefallen zu werden, ist lange vorbei, doch das Publikum hat noch immer eine Vorliebe für Gestalten, die direkt aus mythischen Erzählungen entsprungen scheinen. Da hat ein Heiliger gerade noch gefehlt. St.Lance könnte eine Schöpfung jenes Chrétien de Troyes sein, der im 12.Jahrhundert die Geschichte des Sir Lancelot zu Papier brachte: Er bringt der epischen Erzählform endlich eine heilsgeschichtliche Ausrichtung.

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