Kultur : Touristenrolle

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf sucht das BerlinErlebnis im Konzertsaal

Was war in der Woche vor Ostern eigentlich in Berlins Konzertsälen los, bevor die Staatsoper auf ihre Festtagsidee kam? So selbstverständlich ist dieses Barenboim-Festival inzwischen für die Stadt geworden, dass man sich kaum noch erinnern kann, was hier neben den obligatorischen Passionsaufführungen noch um den Höhepunkt des Kirchenjahres herum stattfand. Die Konzerte von Barenboims Chicago Symphony Orchestra und die Opernaufführungen mit der Staatskapelle dominieren auch diesmal wieder von der morgigen „Traviata“ –Premiere an den hochkulturellen Veranstaltungskalender. Aber so gut die Sache läuft, bleibt ein Rest von Widersinnigkeit: Denn weshalb sollten beispielsweise kulturhungrige Amerikaner ausgerechnet hier ein Orchester aus Chicago hören? Kommen die Touristen nicht vielmehr hierher, um die einzigartige Musikszene Berlins zu bewundern? Allein schon deswegen sei an dieser Stelle auf ein Konzert mit extra hohem Berlin-Index hingewiesen: Am Palmsonntag nämlich spielen Chor und Orchester der Französischen Kirche zu Berlin das Passionsoratorium von Johann Heinrich Rolle . Erstmal bietet der Französische Dom am Gendarmenmarkt natürlich eine prachtvolle Konzertkulisse, die sofort den touristischen Fotografierreflex aktiviert, dann war Rolle lange Zeit in Berlin aktiv, geigte hier im Orchester Friedrichs des Großen und schrieb einen ganzen Haufen nett anzuhörender, rokokohaft empfindsamer Musik, und drittens gibt es dieses abendfüllende Werk garantiert nirgendwo sonst auf der Welt zu hören. Und wohl auch in Berlin nur dies eine Mal.

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