Tournee : Immer grün?

Max Raabe startet seine Tournee 2008 im Berliner Admiralspalast.

Frederik Hanssen
Max Raabe
Max Raabe im Admiralspalast.Foto: dpa

Dieses Palastorchester ist einfach fabelhaft: Lässig und gleichzeitig präzise, die Musiker beherrschen alle mindestens zwei Instrumente, ihr Puls, ihr Rhythmus gehen sofort in die Beine – so muss eine Big Band sein! Und erst die Arrangements, die Günther Gürsch den alten Schellackplatten abgehorcht hat! Wie die ganze Truppe bei „Dort tanzt Lu-Lu“ als Pointe die Melodie mit Handglöckchen bimmelt, wie in den Violetta-Tango raffiniert Reminiszenzen an Verdis „Traviata“ eingewoben sind, wie Max Raabe bei „Ich küsse Ihre Hand, Madame“ von einem Quartett aus Geige, Kontrabass, Piano und gestopfter Trompete umschmeichelt wird, das ist geistreich, großstädtisch, glamourös – und absolut auf der Höhe der Schlagertexte („Rosa, reizende Rosa, ich bin verliebt, seit ich dich im Trikot sah“).

Dennoch beschleicht den langjährigen Beobachter von Max Raabe und seinem Palastorchester an diesem Abend im Admiralspalast ein merkwürdiges Gefühl: Sänger und Band stellen ein neues Programm vor, mit dem sie in den kommenden Monaten durch 70 Städte tingeln werden. Es ist eine karge, tourneetaugliche Show, die ganz ohne die charmanten Tingeltangeleffekte der vorangegangenen „Palastrevue“ auskommt. Auf der im angedeuteten Art-Deco-Stil gehaltenen Bühne nur die Musiker in ihren Maßanzügen – und im Saal ein Publikum, das ehrfürchtig lauscht, als säße es im Opernhaus.

Die ganze Sache erinnert fatal an das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Auch Johann Strauß’ Walzer waren mal zum Tanzen gedacht, als Volksvergnügen, und werden mittlerweile zelebriert wie Beethoven-Sinfonien. Max Raabes Repertoire wurde einst von Tanzorchestern in noblen Hotels gespielt, während das Publikum in Clubsesseln lümmelte, trank, flirtete, paarweise übers Parkett glitt. Die Stars waren die Zuhörer, die Musiker arme Gigolos. Heute ist es umgekehrt. Das Publikum reckt die Hälse, um kein Augenbrauenzucken, keinen Wimpernschlag des Meisters zu verpassen. Der Sänger selber? Er hat sich mittlerweile derart in seiner Kunstfigur verkapselt, dass absolut nicht mehr zu erkennen ist, ob er noch Spaß an seiner Masche hat oder nicht.

Raabe ist seit 1986 im Showgeschäft, so lange macht auch Gottschalk „Wetten, dass...“. Beide haben sensationelle Einschaltquoten. Noch. Frederik Hanssen

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