Kultur : "Tradition ist erstmal Schlamperei"

TAGESSPIEGEL: Was reizt Sie an der Arbeit am Deutschen Theater, Herr Schirmer?

SCHIRMER: Bis vor vier Wochen habe ich noch gesagt, ich gehe nicht weg, ich passe nicht nach Berlin.Das hat sich seit einem Monat geändert, nachdem man mich am Gründonnerstag gefragt hat, ob man mich denn fragen könnte.Plötzlich ist mir aufgegangen, daß die Frage, wo man hinpaßt, Quatsch ist.Fremd bin ich als Theatermensch doch überall, und mein Zuhause oder meine Heimat ist das Institut, das ich leiten darf.Das Publikum ist in jeder Stadt ein Größe, die verführt, die überwältigt werden will.

TAGESSPIEGEL: Mit welchen Mitteln wollen Sie überwältigen?

SCHIRMER: Theater muß erotisch bleiben.Zur Erotik gehört auch immer die Trauer übers Abschiednehmen.Ich will in Stuttgart nicht bloß zum Inventar gehören.Auf dem Heldenfriedhof bei Schloß Solitude neben dem Choreographen John Cranko ist kein Platz mehr frei, und ich bin dafür auch zu jung.Ich werde im Herbst 48, und für mich ist die Frage: Wohin mußt du noch mal ausziehen, das Fürchten zu lernen? Um welche Stationen darf man sich nicht drücken, wenn man eingeladen wird, dort zu scheitern? Wenn ich aus Angst den Schritt nicht mache, dann kommt das Grauen ja in meine eigenen Mauern.Tradition ist erstmal, um ein Zitat von Karl Kraus zu verwenden, Schlamperei.

TAGESSPIEGEL: Zusammen mit Ihrem Namen fallen immer, quasi als Köder, die Namen Stein und Bondy, große Namen, mit Berlin-Bezug.

SCHIRMER: Ich finde es unverständlich, daß niemand in dieser Stadt einen Platz für Peter Stein, Luc Bondy und Klaus Michael Grüber findet und sagt, die wollen wir in Berlin haben.Die gehören hierher, neben Peymann, Castorf.Da hätte doch schon mal jemand anderes auf die Idee kommen können.Und auf der anderen Seite dann Martin Kusej, Elmar Goerden, Stephan Kimmig ...

TAGESSPIEGEL: ...mit denen Sie in Stuttgart erfolgreich sind ...

SCHIRMER: Die sogenannten großen Namen und die jungen Kräfte bedingen einander.Der magische Realismus, das psychologische Theater entfaltet seinen besonderen Glanz, wenn dem etwas entgegengesetzt wird, eine Bildmächtigkeit, ein analytischer Verstand.Peter Stein hat in unserem ersten behutsamen Gespräch gesagt, daß ihn das DT auch ohne das Junge und Neue gar nicht interessieren würde.Etwas Neues zu beschützen und zu ergänzen, das würde ihn reizen.

TAGESSPIEGEL: Ihre Kontakte zu Stein und Bondy sind also nicht nur Gerüchte, sondern Wirklichkeit?

SCHIRMER: Ich handele nicht mit Unwahrheiten ...Es hat in der Tat ein erstes Gespräch mit Peter Stein und auch eines mit Luc Bondy gegeben.Von beiden Seiten ist ein vorsichtiges, lebhaftes, engagiertes Interesse signalisiert worden.Man darf nicht vergessen: Stein hat immer die Jungen gefördert, er hat Kruse und Haußmann nach Salzburg geholt.Er hat instinktiv gewußt, daß seine Arbeit einen Gegenpol braucht.Daß ich diese "Hängebrücke" sein könnte, auf der man hin und her trampelt, die man zum Schwingen und vielleicht auch zum Einstürzen bringen kann: Ich könnte mir vorstellen, daß ich diese Rolle gern annehme.

TAGESSPIEGEL: Wo sehen Sie denn zwischen Castorfs trashiger Volksbühne, Peymanns intellektuellem Berliner Ensemble und der jugendlichen Zeitgeist-Viererbande der Schaubühne um Thomas Ostermeier die Marktlücke des neuen Deutschen Theaters?

SCHIRMER: Das kann ich erst beantworten, wenn ich mich dem Haus mehr genähert habe.Ich bin ja kein Bauchladenvertreter, der seine Konzepte auspackt und sagt, ich habe das und das vor.Ich habe mich bei jeder meiner Theaterstationen auf den Ort, auf das Umfeld konzentriert und daraus etwas erfunden.Die Klischees über die inszenierenden Intendanten der anderen Häuser sind ja wahr und nicht wahr: Bei Peymann gibt es auch das Spielerische, Anarchistische und Kindlich-Jugendliche, bei Ostermeier gibt es gelegentlich eine fast schon zu abgeklärte Reife und bei Castorf, trotz des Kartoffelsalat-Anarchismus, auch ein scharfes intellektuelles Reflexionsvermögen.Jedes Theater, das eine Chance haben soll, muß sich permanent wieder neu erfinden, auch mit dem Gegenteil dessen, was man gestern noch für wahrhaftig gehalten hat.Sie müsssen die Widersprüche und das Feuer eines Hauses entfachen, und je heller es brennt, desto weiter strahlt es.Sie müssen Produktionen schaffen, mit denen sich die Zuschauer identifizieren, die sie aber auch ablehnen können.Auch aus Ablehnung entstehen Reibung und Wärme.Der Mut zum Risiko macht ein lebendiges Theater aus.

TAGESSPIEGEL: Dann haben Sie jetzt mal Mut und sagen Sie, wie Sie das DT, das es sich in den letzten Jahren in mittelmäßiger Gemütlichkeit bequem gemacht hat, aus dem Dämmerzustand befreien und ihm künstlerische Glanzlichter aufsetzen wollen.

SCHIRMER: Darüber mag ich jetzt noch nicht nachdenken.Dazu habe ich zu wenig gesehen, muß ich mir viel angucken und mir dann überlegen: Was machen wir nun.Aber geprägt werden muß ein Haus durch die Regisseure und das Ensemble.Ein Ensemble entstehen zu lassen aus den Menschen, die dort bereits arbeiten, aus Künstlern von woanders her, und das sich ergänzen muß aus dem Potential an wunderbaren Schauspielern, die in Berlin momentan heimatlos sind, und mit den Regisseuren an diese Ensemble-Fragen zu gehen, zu entscheiden, wer wird dazugehören - Regisseure und Ensemble, das prägt das Haus, und da hat, wer auch immer der neue Intendant am DT wird, alle Chancen, etwas Großartiges zu machen.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie als nicht regieführender Intendant nicht Angst, daß Ihre künstlerischen Visionen bei dem ebenso selbstbewußten wie erneuerungsbedürften Ensemble auf erheblichen Widerstand stoßen könnten?

SCHIRMER: Daß ich als nicht inszenierender Intendant auf die Rolle des Managers reduziert werde, ohne Kunstverständnis, das ärgert mich sehr.Mit purem Management kann man kein Theater leiten, sondern mit der Liebesfähigkeit für die Menschen, die das Theater machen.Von einem Verleger erwartet man auch nicht, daß er selber gute Bücher schreibt.Sondern daß er tolle Projekte und Menschen findet und sammelt.Mir ist das Bild des Zirkusdirektors, der keine eigene Nummer hat, lieb.Sie müssen Gesprächspartner sein für die Artisten, sie müssen in der Probe auch etwas zu sagen haben.Sie müssen auch den Mut haben, Fehler zu machen.Wenn Theater so einfach wäre, könnte es jeder Idiot.

TAGESSPIEGEL: Die Kammerspiele des Deutschen Theaters sollen in einen multifunktionalen Experimentierraum umgebaut werden.Freuen Sie sich über das Projekt des scheidenden Intendanten?



SCHIRMER: Das kann ich noch nicht beurteilen.Ich finde es spannend, daß Thomas Langhoff diesem Projekt für die letzten Jahre seiner Intendanz Raum und Zeit gibt.Ich fange erst an, mir konkrete Gedanken zu machen, wenn ich eingeladen werde zu Verhandlungen.Bisher habe ich noch nicht verhandelt, wir sind dabei, zu sondieren.Es kann gut sein, daß die Wahl nicht auf mich fällt.

TAGESSPIEGEL: Vor einiger Zeit haben Sie an der Theaterliebe der Berliner Kulturpolitik arge Zweifel angemeldet.Was läßt Sie hoffen, daß man Ihnen jetzt Zeit einräumen wird, um das DT künstlerisch auf Vordermann zu bringen?

SCHIRMER: Nichts läßt mich hoffen, es gibt nur den Weg nach vorne, auch in die Verzweiflung.Aber ich habe auch keine Garantien, daß mich diese Verzweiflung nicht hier in Stuttgart einholt.Es gibt keinen sicheren Platz auf dieser Erde.Das kann ich bedauern, aber ich kann doch nicht davonlaufen.Wenn ich anfange, mich in meiner Kuschelecke einzurichten, dann kann ich aufhören.Es gehört zum Theater und zum Leben, jeden Tag Abschied zu nehmen und zu sterben, und nicht das Sterben zu fürchten.

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