Kultur : Traditionelle Architektur - eine Alternative für die Stadt von heute

Gabriele Tagliaventi

Trotz der 40 Millionen Opfer des Zweiten Weltkriegs, trotz der 100 Millionen Opfer des Kommunismus, trotz des Hasses und des Leides, die während des 20. Jahrhunderts durch die heftigen ideologischen Kämpfe verursacht wurden, scheint die Sehnsucht nach dem letzten ideologischen Totalitarismus immer noch lebendig zu sein. Nikolaus Bernaus Artikel über die vom Komitee "A Vision of Europe" organisierte Ausstellung "Die Wiedergeburt der Stadt - Internationale Ausstellung für Architektur und Städtebau" im Alten Stadthaus (Tagesspiegel vom 16. 9.) zeigt deutlich, wie schwierig es ist, eine Alternative neben dem zu akzeptieren, was bislang als die einzige Architektur des 20. Jahrhunderts galt. Trotz "politischer Korrektheit" scheint Bernau schockiert davon zu sein, dass Hunderte von heutigen Architekten auf innovative Weise an einer Wiederentdeckung europäischer Architekturtraditionen arbeiten, anstatt dieselben Fehler zu wiederholen, die zur Zerstörung unserer Städte während des zurückliegenden Jahrhunderts geführt haben.

Diese Position bedarf einer genaueren Erklärung, um Lesern und Bürgern die Bedeutung der gegenwärtigen Debatte um die Zukunft der Stadt verständlich zu machen. Berlin könnte zum Brennpunkt des gesamten Kontinents werden, wenn bei der Entwicklung der neuen Stadt die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Am Ende des 20. Jahrhunderts lassen wir die riesigen Irrtümer der totalitären Ideologien hinter uns, die in den zwanziger Jahren entstanden: Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus. Die große Errungenschaft, die wir mit ins neue Jahrtausend nehmen, ist die Idee der Demokratie und der Toleranz. Demokratie mag nicht die ideale Regierungsform für eine Stadt sein, wie Aristoteles vor 2500 Jahren schrieb, doch wir haben bisher keine bessere entwickelt. Die schrecklichen Ideologien, die in den zwanziger Jahren aufkamen und das Leben in diesem Jahrhundert so stark beeinflussten, sind verschwunden. Durch ihre erfahrbaren Resultate haben sie sich endgültig widerlegt. Es bleibt nur eine Ideologie: der Modernismus. Trotz seines deutlichen Versagens existiert er weiter.

Alle totalitären Positionen sind obsolet geworden, nur der Modernismus hat seinen Einfluss auf die westliche Welt behalten, obwohl die Anwendung seiner Prinzipien misslungen ist. Während modernistische Architekten immer noch dieselben, in den zwanziger Jahren entwickelten abstrakten Schemata wiederholen, behauptet ihre totalitäre Ideologie, dass es unmöglich sei, beispielsweise die wundervolle Architektur nachzuahmen, die von den Erbauern der größten klassischen Stadt des 20. Jahrhunderts geschaffen wurde: Washington. Der Modernismus gibt vor, die einzige Möglichkeit auf dem Feld der Architektur zu sein. Keine andere Sicht wird akzeptiert. Das ist ein großer Widerspruch zu den demokratischen Prinzipien, die die Partner der Europäischen Union inspirieren.

Es handelt sich nicht allein um ein architektonischesThema, sondern vor allem um ein städtisches, ja sogar ein politisches. Die Ausstellung "Die Wiedergeburt der Stadt" beweist, dass es eine Alternative zur Zerstörung historischer Zentren und dem Wuchern der Vorstadt-Ghettos gibt. Die neue Bewegung der Urban Renaissance bietet neue Lösungen für zeitgenössische Städte - Lösungen, die inspiriert sind von der Schönheit historischer Städte und bemüht, den Herausforderungen einer modernen Gesellschaft gerecht zu werden.

Für Bürger und Politiker gibt es mithin eine Alternative. Das bedeutet nicht, dass die Urban Renaissance-Bewegung eine Architektur-Diktatur etablieren wollte, wie es der Modernismus getan hat. Es geht vielmehr um den Vorschlag einer Alternative, die den Bürgern eine Wahl zwischen verschiedenen Lösungen eröffnet - offen und in einem demokratischen Prozess. Wenn sie in einer modernistischen Gegend wohnen wollen, können sie das tun. Wenn sie die großen Betonkästen bewohnen wollen, die die schönen Erscheinungsbilder der meisten unserer Städte verschandelt haben, können sie das tun. Kein Einspruch. Das ist das demokratische Spiel.

Wenn sie aber in einer neuen traditionellen Stadt leben wollen, mit Fußgängerzonen und Plätzen, die von Cafés und kleinen Geschäften umgeben sind, mit Tiefgaragen, Fax, Internet und allen modernen Technologien ausgestattet, dann müssen sie ganz einfach die Möglichkeit haben zu wählen.Der Autor, Professor an der Technischen Universität von Ferrara, ist Mitorganisator der Ausstellung "Die Wiedergeburt der Stadt" im Bärensaal des Berliner Stadthauses (Eingang Jüdenstraße 34-42, bis 15. Oktober).

Den Text übersetzte Nadine Lange.

Am 14. Oktober um 19 Uhr findet in der Ausstellung eine Podiumsdiskussion zum Thema "Tradition und Moderne. Vorwärts auf dem Weg in die Vergangenheit?" statt.

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