Kultur : Traditionspflege - Der Zirkus macht alles wie immer

Nadine Lange

Manche Dinge bestechen durch ihre Berechenbarkeit: Schon vor dem ersten Biss in den Hamburger ist klar, wie er schmecken wird, und schon während der Titelmusik eines James-Bond-Films steht fest, wie die explosionsreiche Gangsterjagd ausgehen wird. Trotzdem werden jeden Tag viele Millionen Hamburger gegessen, und jedes Abenteuer von Agent 007 wird schnell zum Publikumsrenner. Mit Klassikern ist man eben auf der sicheren Seite. Das gilt auch für den Zirkus Roncalli, der erstmals seit fünf Jahren wieder in Berlin gastiert. Das Ensemble von Direktor Bernhard Paul setzt in seinem Programm "Salto Vitale" auf bewährte Standards und bekannte Sentimentalitäten: Yasmin Smart und Eliana Paul führen die wunderschönen Hengste zum Pferdeballett, die Steven Brothers wirbeln in der Fuß-auf-Fuß-Akrobatik durch die Luft, und dazwischen taumeln jede Menge Clowns umher. Dazu spielt das zehnköpfige Orchester gefällige Melodien und bekannte Märsche.

Nichts im Roncalli-Programm ist wirklich überraschend oder sonderlich orginell. Aber es gelingt ihm, für zwei Stunden die Illusion einer heilen, sicheren Welt aufzubauen: "Lassen Sie Ihren Kummer draußen, kommen Sie in unsere Herzen und werden Sie wieder Kind", fordert der 77-jährige Weißclown Francesco Caroli zur Begrüßung. Willig gehen wir mit auf eine Zeitreise und fühlen uns wie früher, als die Eltern uns zum Geburtstag ins Zirkuszelt mitgenommen haben. Wie damals freuen wir uns, wenn ein Mann aus der ersten Reihe als Assistent liebevoll verschreckt wird, und sind uns selbst für alberne Klatschduelle nicht zu schade. Alles wirkt vertraut. Alles ist gut. Gerne lassen wir uns blenden von glitzernden Kostümen und würdevollen Posen. Das schöne Zelt mit seinen verschnörkelten Logen und die rund hundert historischen Zirkuswagen davor ergänzen den Eindruck, durch eine vergessene Traumwelt zu treiben.

Reine Akrobatik-Zirkusse wie der Circus Oz oder Flic Flac haben allerdings artistisch wesentlich mehr zu bieten als Roncalli. Die vorhersehbaren Witzchen der Clowns landen gegenüber den Gags der meisten Fernseh-Comedies weit hinten auf der Zwerchfell-Belastungsskala. Doch diesem Wettbewerb entzieht sich der Zirkus Roncalli geschickt, indem er auf Wärme setzt und auf Tradition. Hier geht es nicht um Höchstleistungen, sondern um das gute Gefühl. So verzeiht man dem Drahtseil-Artisten Joseph Bouglione schnell, dass sein Salto rückwärts zweimal misslingt, und lässt sich ein auf das lange klassische Clown-Entree "Bienchen, Bienchen, gib mir Honig". Die Nummer war bereits vor fünf Jahren im Programm - ein rührender, charmanter Klassiker. Ihn wieder zu sehen ist mindestens genauso gut wie ein Kinoabend mit James Bond und einem Hamburger.Am Anhalter Bahnhof, täglich 15 u. 20 Uhr, Mo./Di. nur 20 Uhr, So. 15 u. 19 Uhr.

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