Kultur : Tränen im Traum

Ein Schumann-Abend mit András Schiff.

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Gerade jungen Pianisten fällt gegenwärtig zu den doch eigentlich außerordentlich originellen Klavierwerken Schumanns kaum etwas Originelles ein – sofern sie überhaupt von ihnen aufgeführt werden. Offenbar steht die Arbeit, die für die Ausbildung eines spezifischen Schumanntons nötig wäre, in einem ungünstigen Verhältnis zu dem Effekt, den man heute mit dieser Musik erzielen kann. Für András Schiff dagegen gehört der Romantiker ganz selbstverständlich zu den bedeutendsten Komponisten des 19. Jahrhunderts, er hat gerade auch dessen seltener zu hörende Stücke wie die „Davidsbündlertänze“ oder die „Geistervariationen“ in fast konkurrenzlos schönen Aufnahmen vorgelegt. Seine Interpretationen der großen Fantasie op. 17 sowie der Sinfonischen Etüden op. 13 am Dienstag im Kammermusiksaal der Philharmonie bleiben allerdings sehr rätselhaft.

Schiff neigt an diesem Abend dazu, Einzelstimmen stark hervorzuheben. Das gelingt auch eindrucksvoll, nur bleibt oft unterbelichtet, was sich sonst im dichten Klaviersatz ereignet. Manche im vertrauten Gelände frisch trassierte Spuren versanden schnell wieder im Nichts. Die einzelnen Variationen der Sinfonischen Etüden zerfallen auf diese Weise in lauter interessante Momente, statt sich als Charakterstücke voneinander abzusetzen.

Diese Werke für Piano Solo sind durch eine umfangreiche Auswahl aus den „Myrthen“ und der „Dichterliebe“ ergänzt, András Schiff begleitet jetzt Hanno Müller-Brachmann. Der engagierte Bassbariton fehlt sehr im Ensemble der Staatsoper, dessen Mitglied er viele Jahre lang war, bevor er sich für eine Professur in Karlsruhe entschied. Zwar hat man die „Dichterliebe“ schon kühler, skeptischer, wenn man so will: moderner gehört. Aber Müller-Brachmann glänzt mit vorbildlicher Textverständlichkeit, einer in allen Lagen markant ansprechenden Stimme und großem Gestaltungsreichtum. In den Pausen des Lieds „Ich hab im Traum geweinet“ kann man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. András Schiff, mit einem phänomenalen Gedächtnis begabt, beherrscht offenbar auch die Mehrheit der aufgeführten Lieder auswendig, durchgehend überzeugt jetzt sein diskretes und doch ungemein präsentes Spiel. Benedikt Bernstorff

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