Kultur : Tränenpalast: Flamenco: Glut der Leidenschaft

Roman Rhode

Dass man in Berlin Flamenco-Tanz von Weltklasse erleben kann, ist so selten wie die Begnadigung eines spanischen Kampfstiers nach der Corrida. Doch beides kommt vor. Manolete, der den gleichen Künstlernamen trägt wie der einst von Hemingway gefeierte Torero, ist mit seinen 56 Jahren längst eine Legende. Wie kaum ein anderer verkörpert er die Orthodoxie seiner Zunft: Seit Manolete Anfang der achtziger Jahre aus dem Spanischen Nationalballett ausschied, ist er nicht müde geworden, das gespreizte Gebaren jüngerer Kollegen anzuprangern. "Die heutigen Tänzer", bemerkte er auf der letzten Bienal de Arte Flamenco in Sevilla, "sind viel zu schnell; außerdem überladen sie ihren Flamenco mit zeitgenössischem Tanz", ließ er verlauten. Seinen eigenen Stil hat Manolete nun im Tränenpalast vorgeführt. Mit äußerster Sparsamkeit in seinen Bewegungen gelingt ihm ein Maximum an Ausdruckskraft. Manolete muss sich und seinem Publikum nichts mehr beweisen. Er gibt sich genussvoll dem runden, kraftvollen Tanz hin, verstreut seine im Zaum gehaltene Leidenschaft wie Glutbrocken über die Bühne und lässt diese von den festen Sohlen seiner Tochter Judea ausstampfen. Dass alle anderen Mitglieder des Ensembles vor dem in rigoroses Schwarz gewandeten Patriarchen aus Granada verblassen, tut der Aufführung keinen Abbruch: Gesang, Gitarren und Percussion haben sich gefälligst dem Tanz unterzuordnen. In Sevilla, der anspruchsvollen Hochburg des Flamenco, wäre Manolete damit zwar nicht durchgekommen. Hier aber darf er das, und man muss dankbar dafür sein. Und darauf hoffen, dass Tänzer wie Manolete dem eingedeutschten Boulevard-Flamenco auf den Brettern bald wieder den Garaus machen.

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