Kultur : Träum weiter

In seiner Heimat ist Stanislaw Fijalkowski ein Star, hier kennt ihn kaum jemand. Die Galerie Czarnowska würdigt den 94-jährigen polnischen Maler

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Fijalkowskis Gemälde „Gagrwmnn“ von 1971 aus dem Wiktor Ambroziewicz Museum im polnischen Chelmn.
Fijalkowskis Gemälde „Gagrwmnn“ von 1971 aus dem Wiktor Ambroziewicz Museum im polnischen Chelmn.Galerie Czarnowska

Für Anda Rottenberg zählt er zu den wichtigsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Die polnische Kunstkritikerin und ehemalige Direktorin der Warschauer Nationalgalerie bezweifelt sogar, dass sich Stanislaw Fijalkowski mit anderen abstrakten Malern vergleichen ließe: Sein Werk, das sich über sechzig Jahre erstreckt, sei vielmehr „einzigartig“. Dabei gibt es durchaus Analogien zu den Arbeiten der US-Amerikaner Barnett Newman oder Mark Rothko. Doch was die Bedeutung des polnischen Nationalkünstlers anbelangt, war sich Rottenberg so sicher, dass sie eines lange übersehen hat: Außerhalb ihres Landes ist Fijalkowski vielen unbekannt.

Die Bilder kommen aus Museen und privaten Sammlungen

Eine Lücke, die es zu schließen galt. Die Berliner Galeristin Isabella Czwarnwoska tut dies nun mit einer spektakulären Schau. „Before and after Abstraction“ startet mit Werken wie der nahezu quadratischen Leinwand „14. IX. 61 Madala“ aus den frühen sechziger Jahren und schließt mit Gemälden aus den Neunzigern. Fijalkowski, Jahrgang 1922, ist inzwischen ein Greis. Dennoch kam er persönlich aus Lodz angereist, um das Arrangement von entliehenen Bildern aus Museen und privaten Sammlungen anzuschauen, das mit einer Handvoll verkäuflicher Arbeiten aus seinem Atelier (Preise auf Anfrage) kombiniert worden ist.

Seine Malerei entzieht sicher jeder Kategorie

Es muss ihm gefallen haben. Denn die von Rottenberg und dem jungen israelischen Kritiker Ory Dessau kuratierte Ausstellung zeichnet das Bild eines stillen, konzentrierten, dabei abgründigen Werkes. Abstrakt und auf eine konkrete Art poetisch – zwei Eigenschaften, die sich eigentlich ausschließen. „Seine Form der Malerei entzieht sich der Kategorisierung nach Techniken oder Disziplinen und geht über herkömmliche kunsthistorische Gegensätze hinaus“, schreibt Anda Rottenberg in ihrem Katalogtext. Das trifft mit einem Satz das Wesen jener Malerei, die mit simplen Formen wie Geraden, Winkeln oder Dreiecken vor nahezu monochromen Hintergründen hantiert. In früheren Jahren verwendete Fijalkowski außerdem Punkte und Kreise, die man jedoch kaum so nennen kann, weil sie unperfekt wie von Kinderhand geformt sind.

Doch die Unzulänglichkeit hat System. Der Maler setzt symbolische Fragezeichen anstelle malerischer Behauptungen. Seine Farben wirken oft wie ausgewaschen, darunter erkennt man zahllose Schichten verwandter Töne, die die Flächen vibrieren lassen. Ein helles Blau fungiert als angedeuteter Horizont, eine rote Ecke schiebt sich von oben ins blaugraue Bild und ein von Hand gezogener Rahmen rückt das Zentrum der Leinwand in den Blick. Zu sehen ist eine Linie, die ihre Spur durch die graue Oberfläche zieht. Oder ein braunes Viereck wie im Fall von „7.V.2002“ – eine schwebende Form, die zum meditativen Element wird.

Die Nazis schickten Fijalkowski als Zwangsarbeiter nach Königsberg

Befragung und Vergewisserung, das sind die Koordinaten im Kosmos von Fijalkowski. Dabei scheint er stets am selben Punkt zu beginnen und das Werk sich kaum zu entwickeln. Eine gewisse Reduktion des künstlerischen Vokabulars mag sich abzeichnen. Sonst aber könnte jede der 21 Arbeiten von früher oder später stammen. Wohl auch deshalb haben Rottenberg und Dessau die Auswahl mehr intuitiv als chronologisch gehängt – ihre Ausstellung wirkt ähnlich prozesshaft wie Fijalkowskis Umgang mit der Kunst.

Weshalb diese Vorsicht? Sie erklärt sich zum Teil aus seiner Biografie. Der Maler kam 1922 in einem Teil Polens zur Welt, der heute zur Ukraine gehört. Ihn selbst verschlug es während der Besatzung durch die Nationalsozialisten als Zwangsarbeiter nach Königsberg. Fijalkowski studierte erst nach 1945 in Lodz bei Wladyslaw Strzeminski, der durch die strenge Schule von Malewitsch gegangen war. Russische Avantgarde und Nachkriegsmoderne, radikale Abstraktion und gestischer Duktus: Beides wirkt auf den jungen Künstler. Dass Fijalkowski die gegenläufigen Strömungen miteinander versöhnt, kann man nicht sagen. Vielmehr bringt er sie in den Dialog und hält ihre Reaktion aufeinander malend fest.

Sein Werk entwickelt sich evolutionär und zeigt doch am Ende einen Künstler, der sein Metier virtuos beherrscht. Trotz oder gerade weil Fijalkowski das Vokabular seiner Bilder so ungeheuer reduziert und man dennoch den Eindruck hat, dass sich in diesen Kompositionen ein ganzes Universum artikuliert – dass es im Wortsinn um Tod und Leben geht. Dabei sieht sich der Künstler weniger als abstrakten Maler denn als Chronisten einer wie auch immer sichtbaren Wirklichkeit. Ob sie vor dem äußeren Auge abläuft oder doch eher eine innere Angelegenheit ist, bleibt diffus. „Ich denke, dass sich die uns tiefer bewegenden Sachen nicht anders sagen lassen als durch eine offene, nicht vollständig zum Ausdruck gebrachte Form“, beschreibt Fijalkowski seinen Part als Maler. Vollendet wird die Arbeit im Kopf des Betrachters.

Galerie Isabella Czarnowska, Rudi-Dutschke-Str, 26; bis 16.7., Di–Fr 11–18 Uhr, Sa 11–16 Uhr

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