Kultur : Träume, auf Sand gebaut

Eine Potsdamer Ausstellung erinnert an die Orient-Besuche von Wilhelm II.

Christian Schröder

Aufnahmen aus den Kindertagen der politischen Massenpropaganda: „Der Kaiser bei unseren Verbündeten“. Eine Blaskapelle marschiert wackelnd vorbei, bärtige Turbanträger laufen aufgeregt umher. Dann erscheint der Staatsgast, sein Gang ist schlendernd, die Brust ordensbehängt. Er schüttelt – mehr Mensch als Majestät – jovial Hände, besichtigt das Topkapi Serail und lässt sich in einer prachtvoll geschnitzten Barkasse über den Bosporus rudern. Als Kaiser Wilhelm II. im Oktober 1917 Istanbul besuchte, war er in einer kriegswichtigen Mission unterwegs. Während seine Soldaten vor Verdun und in Flandern verbluteten, sollte sich die Heimatfront an Bildern wie aus Tausendundeiner Nacht aufrichten können. Heutige Betrachter beeindruckt an den holprigen Aufnahmen, in denen der Kaiser häufig von Fahnen oder Empfangskomitees verdeckt wird, vor allem eins: ihr charmanter Dilettantismus.

Das vierminütige Wochenschau-Fragment läuft zur Zeit in einer Endlosschleife im Potsdamer Neuen Palais, unterlegt mit orientalisch erhitzter Marschmusik. „Der Traum vom Orient“ lautet der Titel einer Ausstellung, die an ein weitgehend in Vergessenheit geratenes Kapitel der deutsch-türkischen Freundschaft erinnert: die Besuche von Wilhelm II. im Osmanischen Reich. „Nach einem Aufenthalte, der einem Traume gleicht, und welcher durch die freigebigste Gastfreundschaft des Großherrn zu einem paradiesischen gemacht worden ist, passire ich soeben bei schönem Wetter die Dardanellen“, telegrafierte der Kaiser 1889 an seinen Reichskanzler Bismarck, noch ganz hingerissen von den Eindrücken seines ersten Abstechers in den Orient. Die Niederungen tatsächlicher Realität ließ Wilhelm II. gerne hinter sich, er bewegte sich lieber, das beweist der schwärmerische Tonfall, in Phantasiewelten.

Bismarck, der Realpolitiker, hatte vor einem Besuch im Osmanischen Reich gewarnt, weil Briten und Russen einen deutschen Schulterschluss mit dem türkischen Sultan als Affront verstehen mussten. Wilhelm, der Phantast, setzte sich über die Einwände hinweg, er träumte von einer deutschen Einflusszone bis weit in den heutigen Irak. So sollte die von der Deutschen Bank finanzierte „Bagdadbahn“ Berlin über den Bosporus mit dem Persischen Golf verbinden, 1902 wurde das Teilstück zwischen Konia und Basra gebaut. Doch der polternd verkündete Anspruch auf einen „Platz an der Sonne“ führte in diplomatische Isolation, am Ende zerrann dem Kaiser der Traum von der Weltmacht wie Wüstenstaub zwischen den Fingern.

Immerhin durfte er, als er im November 1918 abdankte, einen Sonderzug voller Kostbarkeiten aus seinen Schlössern mit ins holländische Exil nehmen. Ein Teil dieser Kostbarkeiten ist nun aus dem Haus Doorn, wo Wilhelm 1941 starb, temporär nach Potsdam zurückgekehrt, darunter Intarsienmöbel, Prunksäbel und der Nishan Imtiaz Orden, der dem Kaiser von Sultan Abdül Hamid II. verliehen worden war. Auf der Rückseite eines fast zwanzig Quadratmeter großen Seidenteppichs sind die Namen der zwölf Mädchen festgehalten, die ihn geknüpft hatten. Der Besucher war von dem Geschenk so gerührt, dass er jedem Mädchen eine Aussteuer zukommen ließ.

Wilhelm II. liebte theatralische Posen, auf Fotos, die ihn mit Fez und in türkischer Uniform zeigen, wirkt er wie ein aus einem Roman von Karl May entsprungener Abenteurer. 1898 fuhr er über Istanbul nach Jerusalem, um die von seinem Vater gestiftete Erlöserkirche einzuweihen. Die von der englischen Agentur Thomas Cook & Sons organisierte Reise trug die Züge einer Pilgerfahrt. Die Karawane, die das Kaiserpaar begleitete, war drei Kilometer lang, zur Entourage gehörten 600 Treiber für die 1300 Pferde und Maultiere. Kampiert wurde in einer mobilen Stadt aus 230 Zelten. Wilhelm beteuerte, allein sein „aufrechter Glaube“ habe ihn dazu gebracht, „das Land zu besuchen, wo unser Retter lebte und litt“. Doch im europäischen Ausland wurde sein triumphaler Auftritt mit Goldküras und Adlerhelm als martialisch empfunden. Der englische „Punch“ karikierte den Pilger als „Cook’s Crusader“, als Kreuzfahrer in Ritterrüstung mit über die Schulter gelegtem Schwert.

Prunkstücke der Ausstellung sind zwei Zelte aus kostbar besticktem Seidendamast. Sie sind keine Reisemitbringsel, der Stoff stammt aus der Produktion einer Berliner Manufaktur. Nach den Türkenkriegen des 17. und 18. Jahrhunderts waren derlei „Türkenzelte“ an den europäischen Höfen in Mode gekommen. Der junge Wilhelm hatte wohl in ihnen gespielt und muss sie aus Gründen der Nostalgie mit nach Doorn genommen haben. Trivialpsychologisch lassen sich die Weltmacht-Ambitionen des Kaisers einfach deuten: als Abenteuerlust eines Kindes, das nicht erwachsen werden wollte.

Neues Palais von Sanssouci, bis 24. Juli, Sa bis Do 9-17 Uhr.

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