• Träume aus dem Schattenreich: Der afrikanische Autor Chenjerai Hove lebt zwischen zwei Welten

Kultur : Träume aus dem Schattenreich: Der afrikanische Autor Chenjerai Hove lebt zwischen zwei Welten

Manfred Loimeier

Nein, ein Buch über eine deutsche Stadt, ähnlich dem Skizzenband "stadtgeflüster" (dipa Verlag, 110 Seiten, 24 Mark) über die simbabwische Hauptstadt Harare, wird es von Chenjerai Hove nicht geben. "Jede Stadt hat ihren eigenen Dialekt, spricht in ihrer eigenen Sprache. Und wenn man die Sprache des anderen nicht versteht, kann man schlecht in eine Kneipe gehen oder die Straßen entlang schlendern und dabei hören und verstehen, was die Leute dort sagen. Ich könnte das nur aufzeichnen, ohne es zu interpretieren, ohne den Humor und den Geist einer Stadt einzufangen."

Vor zwei Jahren lebte der ehemalige Verlagslektor und preisgekrönte Romancier, Poet und Essayist Hove als Stipendiat sechs Monate lang in München, der deutschen Partnerstadt Harares, und begann während dieser Zeit mit der Arbeit an einem neuen, seinem dritten Roman "Ahnenträume" (Marino Verlag, 232 Seiten, 29,80 Mark). "Mein Roman ist eine historische Collage, die von verschiedenen Perspektiven aus erzählt wird. Im Mittelpunkt steht eine Frau, und ich gebe ihr die Stimme, um Teile einer Familiengeschichte zu erzählen, die von den Männern dieser Familie vergessen oder anders dargestellt wurden. Damit geht es um die Lügen der Väter."

Nun liegt dieses Buch in deutscher Übersetzung vor, und der Autor aus Simbabwe wird es am 3. September in Berlin vorstellen - zum Auftakt einer dreiwöchigen, von der Deutschen Welthungerhilfe vermittelten Lesetournee, die ihn im Anschluss an Berlin noch in ein gutes Dutzend weiterer Städte in Deutschland und der Schweiz führen wird. Das Buch "Ahnenträume" beschließt eine lockere Trilogie Hoves über die Geschichte seiner Heimat. Während die Romane "Knochen" (Marino, 122 Seiten, 25 Mark) den Krieg um die Unabhängigkeit des südafrikanischen Landes sowie den folgenden Bürgerkrieg thematisieren, führt "Ahnenträume" zurück in die vorkoloniale Vergangenheit. Hove schildert darin die Besiedelung des heutigen Simbabwe, den Zuzug der Ndebele zu den dort bereits ansässigen Shona und die Rivalitäten und Kämpfe zwischen den beiden Völkern.

"Krieg ist wie eine Arena, in der man nackt ausgezogen wird. Man erfährt, dass das Leben sehr billig ist, dass man jederzeit sterben kann. Unter diesen Umständen beginnt man nach dem Wesentlichen zu suchen, nach dem Sinn des Lebens und nach dem, was die Beziehungen zu anderen Leuten bestimmt. Aber wie Sie wissen, schreibe ich auch über eine Reihe anderer Dinge, über Liebe etwa, und es ist auch jede Menge Humor in meinen Büchern über Kampf und Krieg".

So berichtet Hove in "Ahnenträume" auch von den Regeln einer ländlichen afrikanischen Gesellschaft, von deren Riten bei Geburt, Heirat, Ehe, Elternschaft und Tod. Es geht um das Verhältnis der Menschen zu Feldern, Flüssen und Bergen. Der Schriftsteller beschreibt das Eindringen und die Landnahme weißer Pioniere, den Bau von Schulen, die Umsiedelung der angestammten Bevölkerung in weniger fruchtbare Regionen, die Erhebung von Steuern durch die britische Krone, den Strom landlos gewordener Arbeiter in die Goldminen Südafrikas und deren Entfremdung in der Ferne.

Der Roman "Ahnenträume" ist in einer sehr dichten, lyrischen Sprache verfasst, und die darin kolportierte Historie hat Hove nicht chronologisch aufgezeichnet, sondern mosaiksteinartig aus kleinen Passagen und Szenen rekonstruiert. Er springt von der Vergangenheit in die Gegenwart, erzählt in Rückblicken und Ausblicken, lässt die Zeiten ineinander fließen. Die Stimme eines Großvater wandelt sich zu der eines Jungen, die Stimme eines Vaters zu der eines ungeborenen Kindes, Lebende erzählen ebenso wie Tote.

Besonders bemerkenswert ist in der Tat, dass Hove in seinem neuen Roman versucht, den Frauen eine Stimme zu geben. Das ist im Prinzip nicht neu, denn schon in seinen beiden ersten Romanen benutzte der Autor Frauengestalten, um historische Ereignisse aus der Sicht der Opfer statt aus der Sicht der Täter darzustellen. Auch in Hoves neuem Buch steht die Figur eines taubstummen Mädchens als Metapher für die sprachlosen, machtlosen Menschen in Simbabwe. Nun aber schickt dieses Mädchen quasi aus dem Jenseits einer verdrängten Erinnerung Menschenschicksale in die Tagträume eines hundert Jahre später geborenen Jungen, der der weiblichen Sicht der Geschichte Simbabwes zum Ausdruck verhilft und möglicherweise nur ein Alter Ego des Autors Hove ist.



Chenjerai Hove liest am Freitag, in der Kreuzberger Buchhandlung Dante Connection, Oranienstr. 165a, (20 Uhr) und am Sonnabend im Neuen Glashaus des Botanischen Gartens (18 Uhr) aus seinem Roman "Ahnenträume"

0 Kommentare

Neuester Kommentar