Kultur : Träume aus Spanplatten

Wieder entdeckt: Das Schwule Museum feiert die Filmpioniere Rochus Gliese und Hans von Twardowski

Christian Schröder

Hamlet taugt nicht recht zum Helden, zu groß sind seine Skrupel und Selbstzweifel. Gustaf Gründgens hat den Prinzen von Dänemark 1936 am Berliner Schauspielhaus als Giganten des Zögerns und Zauderns gespielt. Fotos zeigen ihn mit kajalumrandeten Augen und einem Totenschädel in der Hand, bereit, den berühmten Monolog zu sprechen: „Sterben – schlafen – schlafen! Vielleicht auch träumen!“ Die Schwarz-Weiß-Bilder hängen im Schwulen Museum inmitten von Entwürfen, auf denen der Bühnenbildner Rochus Gliese die Ausstattung für die Tragödie skizziert hat: raffiniert verschattete Räume mit wuchtigen Säulen und mittelalterlich anmutendem Mobiliar. Eine düstere Zwischenwelt, meilenweit entfernt von der ironischen Verspieltheit heutiger Shakespeare-Interpretationen.

Der „Hamlet“, den Lothar Müthel im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt inszeniert hatte, spielt eine Schlüsselrolle in der Ausstellung, mit der das Museum den Filmpionier und Theatervisionär Rochus Gliese zu seinem 30. Todestag ehrt. „Nachdem ich Gründgens gesehen hatte, habe ich jede Szene des Hamlets anders gesehen als zuvor – vor allem als Tragödie des Intellektuellen inmitten einer grausamen Gesellschaft und eines verbrecherischen Staates“, erinnert sich Marcel Reich-Ranicki in seinen Memoiren an die Aufführung.

Im „Völkischen Beobachter“, dem Parteiorgan der NSDAP, war nach der Premiere ein Verriss erschienen, der Gründgens’ Auftritt mit Vokabeln wie „dekadent“ und „neurasthenisch“ beschrieb, die damals ansonsten nur als Schimpfwörter verwendet wurden. Der Schauspieler, der Angriffe wegen seiner Homosexualität fürchtete, floh in die Schweiz. Hermann Göring, Hitlers Stellvertreter und zugleich als Preußischer Ministerpräsident Schirmherr des Theaters, versprach ihm seinen persönlichen Schutz und überredete ihn zur Rückkehr nach Berlin. Gliese war genauso gefährdet wie Gründgens. Allerdings machte er aus seiner Homosexualität zeitlebens ein Geheimnis, das allenfalls – so Ausstellungs-Kurator Wolfgang Theis – „zwischen den Zeilen“ seiner Äußerungen zu erahnen war.

Gliese, der 1891 in Berlin geboren wurde und in Berlin und München Kunst studiert hatte, begann als expressionistischer Maler und landete noch während des Ersten Weltkriegs beim Film. Er tritt als Schauspieler in Stummfilmen wie „Rübezahls Hochzeit“ und „Der fremde Fürst“ auf und entwirft die Kostüme für den Klassiker „Der Golem, wie er in die Welt kam“. Rasch steigt er zum wichtigsten Mitarbeiter des Regisseurs und Schauspielers Paul Wegener auf, den er auf zwei hinreißenden Aquarellen auch beim Baden und Angeln in der Sommerfrische portraitiert. Bei „Menschen am Sonntag“, einem frühen Tonfilm, mit dem die Karrieren von Billy Wilder, Fred Zinneman, Edgar G. Ulmer und der Siodmak-Brüder starten, steht Gliese sogar einige Tage als Regisseur hinter der Kamera, bis er vom Produzenten gefeuert wird, angeblich, weil er zu viel Negativmaterial vergeudet hat. 1968 erinnert er sich in einem Interview an seine Anfänge beim Film: „Ursprünglich wurde Sonne gebraucht. Man arbeitete im Tageslicht, daher die Glaskästen, die im Sommer unbeschreiblich heiß waren. Dann kamen die ersten Scheinwerfer, offene Scheinwerfer mit Kohlen, die lebensgefährlich waren. Dann kamen Quecksilberlampen, auf die alles umgestellt werden musste, auch die Methode des Schminkens. Wie im Leichenschauhaus sah es nun im Atelier aus.“

Weltruhm erlangt Gliese durch seine Zusammenarbeit mit Friedrich Wilhelm Murnau, mit dem er 1926 nach Hollywood geht, um das Melodram „Sunrise“ zu drehen. Mit nahezu unbeschränkten finanziellen Möglichkeiten ausgestattet, lässt er eine Großstadt-Plaza – in der Ausstellung als Modell im Maßstab 1:150 präsent – auf dem Fox-Studiogelände und ein komplettes Dorf an einem kalifornischen Stausee errichten. Das verschafft ihm als erstem Set-Designer der Filmgeschichte eine Oscar-Nominierung. „Die Arbeit mit Murnau war Krach und Wonne“, resümiert er später. „Meistens krachten wir uns, aber er nutzte die Dekorationen, die man ihm gab, immer aus.“

Nachdem sich weitere Projekte zerschlagen, kehrt Gliese 1928 nach Deutschland zurück, wo er sich fortan der Theaterarbeit widmet. Die Simultanbühne, die er für Ferdinand Bruckners Drama „Die Verbrecher“ am Deutschen Theater Berlin entwickelt, ist bahnbrechend: In sieben ineinander verschachtelten Zimmern können die Schauspieler gleichzeitig über- und nebeneinander agieren. Der Bühnenbildner, für die Dynamik seiner Farbgebung geschätzt, ist im Dritten Reich ein vielbeschäftigter Mann und setzt nach dem Krieg seine Kooperation mit Gründgens fort. 1978 stirbt er in Berlin.

Das Leben des Schauspielers und Schriftstellers Hans Heinrich von Twardowski wirkt wie spiegelverkehrt zu dem von Rochus Gliese: Er beginnt als Berühmtheit und endet im Vergessen. Die Ausstellung, die ihm das Schwule Museum zum fünfzigsten Todestag widmet, soll – so der Untertitel – eine „Spurensuche“ sein. 1898 geboren, war er in den späten zehner und frühen zwanziger Jahren ein Wunderkind des Berliner Theaters. Man muss ihn sich als vor expressionistischer Inbrunst geradezu glühenden Darsteller vorstellen, der 1920 eine Hauptrolle im Stummfilm „Das Cabinet des Dr. Caligari“ ergattert und auf Kabarett-Bühnen die literarischen Parodien aus seiner Sammlung „Der rasende Pegasus“ vorträgt. Sein Freund Moriz Seeler, auf dessen Junger Bühne er zum Star wird, feiert ihn als „Pierrot, der die Halbgötter mit einer Pfauenfeder an der Nase kitzelt“.

1930 siedelt Twardowski nach Hollywood über, wo er zunächst in den deutschsprachigen Versionen einiger amerikanischer Tonfilme auftritt. Doch der Durchbruch als Schauspieler scheitert. Wegen seines deutschen Akzents wird er auf Nazirollen festgelegt, er spielt einen SA-Mann in „Hitler – Beast of Berlin“, Heydrich in „Hangmen Also Die“ und einen NS-Offizier in „Casablanca“, wo sein Name allerdings nicht einmal genannt wird. Während es sein Lebensgefährte Martin Kosleck immerhin zum Horrorstar in B-Pictures bringt, hangelt sich Twardowski jahrelang am Existenzminimum entlang. An seine Freundin Marlene Dietrich schreibt er Bettelbriefe, in denen es um 40 Dollar geht. Schon lange vor seinem Tod 1958 in New York verlieren sich seine Spuren.

Schwules Museum, Mehringdamm 61 (Kreuzberg), bis 16. März, täglich außer Di 14–18, Sa bis 19 Uhr.

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