Kultur : Träume und Traumata

Von Guantanamo nach Bukarest: Szenen vom Berliner Literaturfestival

Jörg Plath

Fünfzehn Minuten liegen im Haus der Berliner Festspiele zwischen Film und Wirklichkeit. Fünfzehn Minuten nach dem Ende von Michael Winterbottoms Film „The Road to Guantanamo“ betreten zwei seiner vier Helden am Donnerstagabend die Bühne. Als vermeintliche Kämpfer von Al Qaida wurden sie in dem US-Gefangenenlager auf Kuba gehalten wie Vieh. Der Film, auf der diesjährigen Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet, zeigt Todesangst, Folter und endlose Verhöre. Nach zwei Jahren wurden die Engländer mit pakistanischen Eltern wegen fehlender Beweise 2004 entlassen; nun lächeln Ruhel Ahmed und Asif Iqbal in den Saal, zwei freundliche Jungs von Mitte 20 in Freizeitkleidung.

Zwischen ihnen der emeritierte Rechtshistoriker Uwe Wesel. Er kann zwar die 114 Quadratkilometer große Exklave auf Kuba gut beschreiben, die die USA seit 1903 für 4085 Dollar im Jahr gepachtet haben, die Fidel Castro nicht annimmt. Er kennt sich im Völkerrecht und der Genfer Konvention bestens aus, gegen die Guantanamo verstößt. Aber er verheddert sofort die Kabel seines Kopfhörers und kann das Gerät für die Übersetzung des Englischen ins Deutsche nicht bedienen. Ruhel Ahmed lacht freundlich und hilft beherzt. Ein junger Mann mit Respekt vor dem Alter, der seine Antwort auf Wesels erste Frage gern wiederholt: Nein, er arbeite gerade nicht. „Kein Arbeitgeber würde akzeptieren, dass ich alle zwei Wochen verreise, um den Film in ganz Europa zu promoten.“ Eben waren Film und Wirklichkeit noch schön getrennt, nun sind sie wieder eins: Ahmed und Iqbal bürgen dafür, dass der nächste Woche anlaufende Film wahr ist.

Warum sind Sie eigentlich von Pakistan aus, wo Sie eine Hochzeit feiern wollten, ins nahe Afghanistan gefahren, fragt Wesel. Das war doch gefährlich nach den Anschlägen vom 11. September! Wie sah Guantanamo aus? Was war das Schlimmste? Es ist doch grauenvoll, so geschlagen zu werden! Die Unruhe im Saal nimmt zu. Hat Wesel etwa den Film mit seinen semidokumentarisch nachgestellten Szenen nicht gesehen? Er scheint ihn für reine Fiktion zu halten. Wie die amerikanischen Verhörer fragt er, wie es wirklich war: Also noch einmal, warum sind Sie nach Afghanistan gefahren? „Das ist doch kein Verbrechen!“, sagt Iqbal. „Wir waren 18 Jahre alt, da man macht dumme Sachen“, antwortet Ahmed zum zweiten Mal und macht sich unwidersprochen zwei Jahre jünger. Uwe Wesels Miene hellt sich auf: „Ich habe auch viel angestellt, als ich jung war.“

Dem Publikum ist nicht nach späten Geständnissen und ratlosen Wiederholungen. Es ruft nach Mikrofonen und fragt selber: „Sind Sie psychologisch behandelt worden, Sie wirken, als sei gar nichts geschehen?“ Es gehe ihnen gut, erklärt Ahmed, Traumata kämen manchmal erst Jahre später.

Sind Sie zufrieden mit dem Film, zeigt er, was mit ihnen geschah? Ahmed nickt dem zurückhaltenden und traurig wirkenden Iqbal aufmunternd zu, doch der will nicht antworten. „Die physische Misshandlung war schlimmer als im Film, es gab sexuellen Missbrauch, Sodomie.“ Beide haben Schadensersatzklage erhoben. „Wir mussten uns den Bart scheren und durften nicht beten“, erzählt Iqbal, dessen kurzer Bart im Film lang war. „Im Widerstand haben wir zum Islam gefunden. Wir hassen die amerikanische Regierung, aber nicht das amerikanische Volk.“ Der prasselnde Applaus scheint ihnen nicht ganz geheuer zu sein.

Wesel nickt: „Die beiden haben Vorurteile gegen den Westen, so wie wir gegen Araber. Das geht selbst mir manchmal so: Muslime sind eher für Al Qaida, das ist ein Vorurteil, mit dem wir leben müssen.“ Weiter lässt ihn der Saal nicht kommen. Kurz darauf ist Schluss. Die Türen öffnen sich zur Wirklichkeit draußen.

* * *

Georg Aescht gehört zu den bedächtigeren Moderatoren des Literaturfestivals. Er spurtet nicht hurtig aufs Podium wie in der Seitenbühne Kollege Arno Widmann. Aescht verzögert auch nicht seinen Schritt wie Alberto Manguel, der die 86-jährige Doris Lessing allein in den Applaus im Haus der Berliner Festspiele schreiten lässt. Aescht steht unversehens einfach da im Foyer und kündigt in gemessenen Worten an, mit seiner Trompete werde Christian Ahrens „uns musikalisch einstimmen“. Doch die ruhige Improvisation vermag nicht auf die Albtraum-Prosa der Rumänin Gabriela Adamesteanu vorzubereiten, zumal wenn eine beängstigend schmale Susanne Lothar ihr wie von Furien gehetzt das eigene Krächzen und Hauchen leiht.

Am Anfang steht eine Aktennotiz der Securitate über die Heimkehr eines ins Ausland geflohenen Staatsbürgers, dann folgen Angstträume des Mannes, den schließlich seine eigene Mutter nicht erkennt: Denn ihren Sohn hätte die Securitate gar nicht über die Grenze gelassen. Seit der jüngsten Diskussion über die Securitate-Akten, die sich erst seit diesem Juni in der Hand der rumänischen Stasi-Behörde befinden, ist Adamesteanus Roman „Die Begegnung“ (2003) hochaktuell. Dazu könnte die freundliche, 1942 geborene Schriftstellerin, früher PEN-Präsidentin und Redakteurin der unabhängigen Wochenzeitschrift „22“ sicher einiges erzählen. Aber Georg Aescht sagt bedächtig: „Ich lasse Sie mit dem Text allein.“

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