Kultur : Träume verlieren

„Suite Havanna“-Regisseur Fernando Pérez über Freiheit, Arbeit und das Kuba der Zukunft

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Herr Pérez, „Suite Havanna“ gefällt allen in Kuba, den Kritikern und dem Publikum. Denken Sie da als Künstler manchmal: Was habe ich falsch gemacht?

Einmütigkeit steht immer unter Verdacht. Nicholas Ray hat mal gesagt: Im Kino gibt es keine Formel für den Erfolg, wohl aber eine für das Scheitern. Und die liegt darin, es allen recht machen zu wollen. „Suite Havanna“ ist so komplex wie Kuba, schwarz und weiß, traurig und positiv, und deshalb finden sich viele in dem Film wieder.

Wer Ihren Film mit Kubanern gesehen hat, sagt, die Atmosphäre im Kino ist wie bei einem Gottesdienst. Gefällt Ihnen diese Interpretation?

Ich muss überlegen. Vielleicht kommt es daher, dass der Film eine ungewöhnliche Form hat – ohne Dialoge, ohne dramatische Aktion. Zugleich ist das Geschehen sehr alltäglich, sehr einfach: Das Publikum nimmt teil, es entsteht ein Gleichklang, der eine Katharsis auslöst. Viele Kubaner verlassen das Kino weinend. Viele sagen: Ich gehe aus dem Kino raus, und der Film geht weiter. Das bewegt mich sehr.

Woher kommt dieses überwältigende Bedürfnis nach Identifikation?

Bilder wie in meinem Film sieht man sonst nicht im kubanischen Kino, erst recht nicht in den Medien, die das Modellhafte, Mobilisierende propagieren. Ich versuche, die Realität zu spiegeln, indem ich von ihrer Widersprüchlichkeit ausgehe, nicht von einem festen Standpunkt. Zuschauer haben mir gesagt: Hier sehen wir zum ersten Mal das Leben, wie es ist. Es gibt sicher viele andere Havannas, die ich nicht zeige.

Touristen, Soldaten, Prostituierte, Dollars.

Weil sie im Leben meiner Figuren nicht vorkommen. Militärs patrouillieren in den touristischen Zonen, um dort die Ordnung zu sichern. Und in meinem Film geht es um Arbeiter, Handwerker, Lehrer, die ihre Arbeit machen.

Und doch ist Ihr Film, so lebensgetreu er sich gibt, wie jedes Kunstwerk: eine Vision.

Natürlich, durch die Inszenierung, das Licht, die Montage, die Fragmentierung. Und natürlich hat der Film, indem ich die Essenz der Figuren ergründe, auch einen politischen Inhalt. Nur dass dieser Diskurs nicht von der Politik ausgeht, sondern vom Leben. Am direktesten ist vielleicht die Szene am Flughafen. Es gibt keine kubanische Familie, die nicht vom Drama der Trennung betroffen ist.

Ihre Figuren formulieren Träume: „Reisen um zurückzukehren“ zum Beispiel.

Auch das ist ein politischer Kommentar. Ich habe alle Figuren nach ihren Träumen vom Leben gefragt, und die alte Erdnuss-Verkäuferin hat mir gesagt: Was soll ich schon für Träume haben? Es gibt in Kuba Leute, die ihre Träume verlieren. Natürlich haben da Funktionäre gefragt: Warum endet ein kubanischer Film mit einer Figur, die keine Träume hat?

Welche Rolle spielt das staatliche Filminstitut in diesem Zusammenhang?

Ich formuliere einen Antrag, wenn ich einen Film plane, ein Konzept. Ich drehte den Film. Und als er fertig war, war er so, wie ich ihn wollte.

Viele Menschen zensieren sich selbst, wenn sie von Institutionen abhängig sind.

Ich versuche zu sagen, was ich fühle. Wenn ich denke, was wird der Funktionär, der Kritiker oder auch das Publikum sagen, dann verliere ich meine künstlerische Kohärenz. Ich habe viele kritische Filme gesehen, die schlecht sind – als Filme. Sie wollen provozieren, aber haben keine ästhetische Tiefe. In Kuba waren und sind alle Künste nicht frei von Widersprüchen. Aber sie sind viel offener als die Medien. Die sind viel strikter gelenkt. Mit dem Ergebnis, dass die Menschen ihnen nicht glauben.

Wo wird Kuba in zehn Jahren stehen?

Ich wäre froh, wenn ich das wüsste. Ich wünschte mir, dass wir viele Dinge bewahren, die wir heute haben. Und dass andere sich ändern. Zum Guten. Und: Kuba sollte nicht voll von McDonalds sein. Eins oder zwei, das genügt.

Das Gespräch führte Jan Schulz-Ojala.

Fernando Pérez , geboren 1944 in Havanna, ist der international bedeutendste kubanische Filmregisseur. Werke: „Hello, Hemingway“, „Madagascar“ und „Das Leben, ein Pfeifen“.

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