Kultur : Träume wie Treibstoff

CHRISTOPH FUNKE

Hartnäckig, und unbeeindruckt vom Vorwurf, altmodisch zu sein, sucht das Grips-Theater für seine jungen Zuschauer Wege ins Leben. Nicht mit herablassend belehrender Erwachsenen-Erfahrung, sondern mit ungezügeltem Temperament, und mit dem Mut zu bitteren Wahrheiten. Wenn Peter Hathazy in "Kein Feuer ohne Kohle" zwei junge Leute, kaum der Schule und dem Elternhaus entronnen, in die Selbständigkeit schickt, dann gibt es keine freundliche, schulterklopfende Beratung. Nein, Schmitti und Tulpe erleben einen bösen Reinfall nach dem anderen, ihre Sehnsucht stößt sich an harten alltäglichen Bedingungen, die immer wieder die Oberhand gewinnen. Zwei Jungs vom Lande, in die Großstadt verschlagen, versuchen durchzukommen - aber das gemeinsame Zimmer ist kalt, die Stromrechnung nicht bezahlt, der Kaffee aufgebraucht und Nahrung, wenn überhaupt, nur als billiger Büchsenfraß zu haben. Was die ungeliebte, unqualifizierte Arbeit einbringt, reicht nicht hinten und nicht vorn. Der Haushaltsplan, mit Kreide an die Wand gehauen, kann nicht eingehalten werden, und vor Weihnachten droht die Katastrophe.

Das könnte eine Elendsgeschichte sein. Hathazy aber schrieb ein zupackend fröhliches Stück, in dem es keinen Moment der Zaghaftigkeit gibt. Schmitti und Tulpe sind Träumer, die sich ein anderes Leben entwerfen, nach unentdeckten Kräften in sich selber suchen, die Niederschläge der Realität wegstecken mit immer neuen phantastischen Vorhaben und kühnen Projekten. Auch wenn ihnen nichts gelingt, sie wissen: "Träumen ist wie Luft holen, wie Treibstoff" - und am Ende läuft die Waschmaschine dann doch, die Tulpe lange vergebens in Gang zu bringen versuchte.

Nur diesen Moment der Hoffnung gibt es in dem schon 1984 in Zusammenarbeit mit Kreuzberger Jugendlichen und dem Jugendzentrum "Die Wille" in Kreuzberg entwickelten Stück, das jetzt in einer auf den Tag gebrachten Fassung von Thomas Ahrens und Vera von Wilcken in der Schiller-Werkstatt zur Aufführung kam. Nichts wird weggeschwindelt von den Widrigkeiten, die auf Tulpe und Schmitti zukommen. Das Alltägliche bleibt rauh, Hilfe von außen ist nicht zu erwarten. Zuversicht gründet sich allein auf den Mut der Helden: Sie werden durchhalten, sie werden ihre Abenteuer bestehen.

Thomas Ahrens hat das Zweipersonenstück in fast atemlosem Tempo inszeniert, und doch genau bis in die Details eines schlimm eingeschränkten Lebens hinein. Aber da ist keine Anklage, sondern immer ein unbändiger Humor, der aus der scheinbar unüberwindlichen Armut einen Einfall nach dem anderen zaubert. Tulpe und Schmitti hausen auf der Bühne von Matthias Fischer-Dieskau in einer wohlüberlegten Verwahrlosung, jedes Möbelstück, jede leere Büchse, jeder Plastebecher spielt mit, und das Boot für die kanadischen Träume wird zum Mittelpunkt eines phantastisch anarchischen Wohnens. Rüdiger Klink und Frank Engelhardt, beide noch nicht dreißig Jahre alt, geben mit Schmitti und Tulpe ihr Debüt am Grips-Theater. Und legen zwei Burschen hin, denen man mit Vergnügen zusieht. Frank Engelhardt erfaßt das Ungebärdige des Schmitti mit einem wirbligen Temperament, bringt eine besondere, Hindernisse trotzig überrennende Kindlichkeit auf die Bühne. Dem Schauspieler gelingt es, unangreifbare Unschuld zu zeigen, eine Selbstvergessenheit, die überhaupt nichts Heldisches hat - denn Schmitti ist auch ängstlich, ja feige, schutzbedürftig. Er braucht Tulpe - und den spielt Rüdiger Klink besonnen, mit einer anrührend schwerfälligen Anmut und einigen so zornigen wie schüchternen väterlichen Anwandlungen. Wie Tulpe von Schmitti mitgerissen wird und Schmitti durch Tulpe den Boden unter den Füßen behält, zeigen die jungen Schauspieler sehr direkt, aber auch mit einer Spur Ironie. Sie und die Zuschauer fühlten sich pudelwohl - der Beifall war stürmisch.

Aufführungen am 18. und 19. Juni 19.30 Uhr sowie vom 15. bis 17. Juni, 11 Uhr, Schiller-Werkstatt.

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