Kultur : Träumen Sie noch vom Bodemuseum, Herr Kelch?

NICOLA KUHN

Interview mit Jan KelchVON NICOLA KUHNJan Kelch hat in der Nachfolge von Henning Bock die Jahrhundertaufgabe übernommen, die Sammlungsbestände aus Ost und West im Neubau der Gemäldegalerie von Hilmer & Sattler am Kulturforum wieder zusammen zu führen, der am 14.Juni feierlich eröffnet wird.Der aus Berlin stammende Kunsthistoriker (Jahrgang 1939) begann vor 27 Jahren seine Karriere an der Gemäldegalerie in Dahlem als Kustos für holländische und flämische Malerei.Hier machte er 1978 auf sich aufmerksam mit einer großen Rubens-Schau, 1984 mit der Genremalerei-Ausstellung "Von Frans Hals bis Vermeer".Zu einem Publikumserfolg wurde die 1991 von ihm betreute Rembrandt-Schau im Alten Museum.Das Gespräch mit Jan Kelch führte Nicola Kuhn. TAGESSPIEGEL: Mit der Wiedereröffnung steigt die Gemäldegalerie wieder in die "Champions-League der Weltmuseen" auf.Wie steht es um die Mannschaft? KELCH: Die ist hart im Training.Die Galerie zählt zu den herausragenden Sammlungen ihrer Art, das ist einfach so.Aber ob die Gemäldegalerie in der Art gefällt, wie wir sie im neuen Haus inszenieren, das ist eine andere Frage.Da sollten wir die Öffentlichkeit entscheiden lassen. TAGESSPIEGEL: Schon lange vor Einzug war bekannt, daß der Raum nicht für alle Werke reichen würde, da die Galerie auf Dahlemer Verhältnisse zugeschnitten ist.Welche Bilder haben das Nachsehen: die von der Museumsinsel oder die aus Dahlem? KELCH: Wir werden 1200 Bilder ausstellen können: im Obergeschoß 850 Bilder, zusätzlich 400 Bilder in der Studiogalerie.Wenn sie nach der Crème de la Crème fragen, dann ist es falsch zu vermuten, daß dort oben die Dahlemer Bestände zu sehen sein werden und in der Studiogalerie die aus dem Bodemuseum.Was den Krieg auf der Museumsinsel überdauert hat, trägt wesentlich zum alten Charakter der Berliner Galerie bei.Das sind vor allem monumentale Formate, die während des Kriegs schwer zu evakuieren waren.In Dahlem bestand die Sammlung aus überwiegend kleinen bis mittleren Formaten.Nun können wir zum ersten Mal die eigentliche Auftragskunst der vergangenen Jahrhunderte zeigen: das, was die Maler für den lieben Gott und die Fürsten gemalt haben, also für Kirche und Hof. TAGESSPIEGEL: Haben Sie dann also eher bei den Dahlemer Beständen reduziert, um nicht auf die großen Formate zu verzichten? KELCH: Durch die kriegsbedingte Teilung waren die Bestände in Dahlem zahlenmäßig reicher als auf der Museumsinsel.Hinzu kommt, daß es in Dahlem nach dem Krieg mehr Mittel gab.Dennoch ist es falsch zu glauben, daß im Bodemuseum nur der Rest überdauerte.Sicher, der Neubau war zunächst für Dahlem konzipiert und wäre anders ausgefallen, wenn er nach der Wiedervereinigung geplant worden wäre.Nun sind wir beengt.Die im nachhinein eingerichtete Studiogalerie ist ein Ventil.Wir behelfen uns, indem wir denkbar strenge Qualitätsmaßstäbe anlegen.Das mag dem Fachmann nicht gefallen, ist aber ein Angebot an das Publikum. TAGESSPIEGEL: Im Vergleich zu anderen Museumsgebäuden von Weltrang präsentiert sich das Berliner Haus äußerlich bescheiden.Wie wollen Sie da die Bedeutung der Sammlung vermitteln? KELCH: Ich denke, wenn die Herren Rembrandt, Vermeer und Tizian auftreten, wird das Publikum kommen.Es ist nur schade, daß das Umfeld nicht zu Ende gedacht wurde.Aber vielleicht ist das ein Impuls, diesem Stadtraum endlich eine angemessene Gestalt zu geben.Das Gebäude selbst ist in der Tat bescheiden.Ich hätte mir einen Solitär gewünscht.London oder Wien haben monumentale Bauwerke, die von außen zeigen, was sie enthalten.In seiner äußeren Erscheinung macht der Berliner Bau einen introvertierten Eindruck.Sie können es auch bürokratisch deuten.Die staatlichen Museen sind aus der Gemäldegalerie entstanden, die heute wiederum Teil der staatlichen Museen ist.Das zeichnet sich auch in der Architektur ab.Wir sind ein Teil dieses Konglomerats. TAGESSPIEGEL: Wie kann die Galerie noch Identität stiften, nachdem der Traditionsstandort Museumsinsel aufgegeben worden ist? KELCH: Den internationalen Ruf müssen wir uns nicht erarbeiten, der ist phantastisch.Wichtig ist, daß auch die Stadt die eigene Galerie akzeptiert.Am Metropolitan Museum in New York, in Amsterdam und London bilden sich schon vor der Öffnung Schlangen, und das sind nicht nur Touristen.Das fehlt hier ein bißchen.Ich halte die Galerie nicht für einen Selbstläufer, jedenfalls nicht für den deutschen Besucher.Da muß man schon etwas tun.Aber wir werden die Meisterwerke nicht pädagogisch pervertieren: etwa als Gag einen Rembrandt auf den Kopf stellen.Irgendwo sind Grenzen. TAGESSPIEGEL: Sie gehörten nach der Wende zur jenen Museumsleuten, die für eine Wiedervereinigung der Sammlung im Bodemuseum waren.Wollen Sie noch manchmal zurück? KELCH: Die Mehrzahl meiner Kollegen - aus Dahlem wie vom Bodemusem - haben für eine Rückkehr auf die Museumsinsel votiert.Ohne einen Anbau auf dem Kasernengelände oder im Monbijou-Park wäre das nicht gegangen.Hinzu kam, daß Gelder für einen Zusatzbau eine völlig irreale Vorstellung waren.Die Galerie am Kemperplatz wurde 1985 ausgeschrieben und 1987 in der Planung fertiggestellt.Dafür waren die Mittel zur Verfügung gestellt.Mir fällt es nach wie vor hier schwer, aber letztlich sind wir nicht für die Immobilie zuständig, sondern für die Sammlung.Selbst in beengter Form können wir hier für die Sammlung mehr tun als im Bodemuseum.Außerdem hätte die Sanierung unter Umständen bis 2004 gedauert.Hätte man die Galerie so lange dem Publikum vorenthalten können? Ich finde man sollte jetzt erst einmal genießen, daß es eine Wiedervereinigung der beiden Sammlungsteile gibt. TAGESSPIEGEL: Die großen Sammlungen in Washington, London, Amsterdam machen mit Sonderausstellungen immer wieder neu auf sich aufmerksam.Von Berlin gingen in den letzten Jahren kaum Impulse aus.Verpflichtet der Aufstieg "in die höchste Spielklasse" nicht zu mehr? KELCH: Ich halte Washington für ein schlechtes Beispiel.Das sind immer Ausstellungen der ersten Ordnung: Tizian, van Dyck, usw.Wenn sie die Meister durchhaben, fangen sie wieder von vorne an.Wir haben bisher Ausstellungen gezeigt, an denen wir selber wissenschaftlich mitgearbeitet haben.Um die Abstände von fünf, sechs Jahren dazwischen zu verkürzen, kann man auch Ausstellungen übernehmen.Angebote gibt es ausreichend, weil wir ein gern gesehener Leihgeber sind. TAGESSPIEGEL: Zum internationalen Standard gehört heutzutage auch das Verweilen in einem Museumsrestaurant und der Besuch im Museumsshop.Beides fehlt in Berlin.Ist das eine preußische Disziplinierungsmaßnahme oder Fehlplanung? KELCH: Das ist zu langsame Planung.Im Moment hat man das Gefühl, der Besucher muß mit einem Topf Erbsensuppe herumlaufen, um überhaupt ein paar Stunden verdauen zu können.Aber es ist einiges geplant.Es gibt hier eine Cafeteria, die im größeren Stil ausgebaut werden soll.Außerdem soll es auf der Piazetta ein weiteres Angebot geben.Darauf haben wir großen Wert gelegt, denn ein Galeriebesuch macht nicht nur müde, er macht auch hungrig - und mich in erster Linie durstig. TAGESSPIEGEL: Jean-Christophe Ammann, der Direktor des Frankfurter Museums für moderne Kunst, hat vor dem Einzug in seinen Neubau erklärt, daß man darin eigentlich erst einmal mit dem Schlafsack übernachten müsse, um einGespür für die Räume zu entwickeln.Wie haben Sie sich eingestimmt? KELCH: Ich werde mich hüten, so etwas zu tun.Vielleicht hätte man es tun müssen, wenn man diesen Räumen neu gegenüber gestanden hätte.Aber die Galerie ist in ihrem Ausstellungsbereich in Zusammenarbeit mit den Architekten entstanden.Der Schnitt der Räume, die hohen Vouten, das allgegenwärtige Tageslicht geht auf die Kunsthistoriker zurück.Im Vorfeld haben wir auch erste Einrichtungsentwürfe vorgenommen, haben Grundrisse mit Fotos beklebt.Als wir aber mit den Bildern in die Räume kamen, hat sich herausgestellt, daß wir uns erst eingewöhnen müssen.Es ist nun einmal ein Problem, wenn ein Bild mit einem dunklen Rahmen neben einem Bild mit eine Goldrahmen hängt, oder wenn das eine Bild restauriert ist und das daneben hängende nicht.Da mußten wir viel schieben.In einer Galerie ist das immer mit einem Dominoeffekt verbunden.Wenn man irgendwo anfängt, klappt das bis zum Ende durch. TAGESSPIEGEL: Von Ammann stammt noch eine andere Anregung: So hat er seine Räume für eine Modenschau von Karl Lagerfeld mit Claudia Schiffer freigegeben.Können Sie sich so etwas auch für die Gemäldegalerie vorstellen? KELCH: Man muß die Grenzen beachten.Wir kommen heute nicht mehr ohne Sponsoren aus, doch die kann man mit der Stallaterne suchen - jedenfalls in unserem Land.Wenn man sie gefunden hat, kann man zwar glücklich, muß aber auch vorsichtig sein.Produktwerbung darf ein Haus diesen Zuschnitts nicht degenerieren.So wollte ein Autounternehmen seinen neuesten Wagen in unserer Halle präsentieren.Das kommt nicht in Frage.Der Bezug zu Tradition muß gewahrt bleiben.Claudia Schiffer und Karl Lagerfeld kann ich mir dagegen gut vorstellen.So weit weg ist das gar nicht: Wir haben herrliche Kostümfiguren.Aber auch andersrum: Man könnte Claudia Schiffer neben die "Andromeda" von Rubens stellen.

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