Kultur : Träumende Blumen, stürmische See

Spielraum im unteren Segment: Die Auktionen bei Lehr und eine Vorbesichtigung bei Lempertz.

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Heftig umkämpft. „Anta“ von Karl Otto Götz (1962) bei Lehr. Foto: Lehr/VG Bildkunst
Heftig umkämpft. „Anta“ von Karl Otto Götz (1962) bei Lehr. Foto: Lehr/VG Bildkunst

Wie zwei glühende Augen schieben sich die Lok-Scheinwerfer aus dem Halbdunkel. Der „Anfahrende Schnellzug“ beherrscht Hans Baluscheks frühabendliche Landschaft. Technikselig und dennoch in gemütlichem Tempo kommt das Ölbild von 1909 daher, was einen Hamburger Sammler im Auktionshaus Lehr bis zum Hammerpreis von 30 000 Euro reizte. Rasanten Furor hingegen verlieh Karl Otto Götz 1962 der Mischtechnik „Anta“. Der lebhafte Kampf grauer und schwarzer Schwünge war heftig umworben. Zehn Telefone mussten zwei anwesende Sammler überwinden, die die auf 25 000 Euro taxierte Leinwand mit den typischen Rakelzügen bis 32 000 Euro steigerten, bewilligt vom Saalbieter aus Düsseldorf (alle Preise ohne Aufgeld). Nicht minder umkämpft waren Papierarbeiten des Grandseigneurs des Informel, der 98-jährig im Westerwald lebt. Mit der Provenienz des einstigen Direktors des Geraer Otto- Dix-Hauses versehen, konnten Gouachen zwischen 1800 und 4500 Euro die Taxen verdoppeln und verdreifachen.

Weniger rasant gestaltete sich das hochpreisige Segment. Karl Hofers „Tessiner Bauer“ erfüllte die Erwartung nicht ganz, wurde aber mit 50 000 Euro zur teuersten der insgesamt 700 Losnummern. Bewilligt von einem Berliner Ehepaar, das sich auch Georg Tapperts laszive „Dame mit Federboa“ unterhalb der Schätzung für 30 000 Euro sicherte. Emil Noldes „Tiefe träumende Blumen“ warten beim Limit von 65 000 Euro immer noch auf einen Liebhaber, und Auguste Herbins „Stillleben mit Schüssel“ – im Vorfeld mit 80 000 Euro als Hauptlos gehandelt –, fand Zuspruch nur unter Vorbehalt.

Dass der Nachmittag dennoch ein Ergebnis von 1,25 Millionen Euro einspielte und 82 Prozent der Lose zugeschlagen wurden, ist vor allem den teils erstaunlichen Steigerungen in den unteren Margen zuzurechnen. Zum Ausreißer avancierte der nahezu vergessene Paul Grundwaldt. Auf 450 Euro war eine Barke mit Ruderern auf stürmischer See beziffert, die der Berliner 1922 in leuchtendes Grün tauchte. Schon der Aufruf erfolgte bei 800 Euro und nach einem nicht minder bewegten Bietgefecht schlug Irene Lehr das kleine Aquarell mit fast heiserer Stimme einem Hamburger für 5000 Euro zu. Eine späte Studie des Bauhäuslers Herbert Bayer kletterte von 1800 auf 4200 Euro, eine 1915 von Rudolf Bauer aquarellierte „Abstrakte Komposition“ von 2500 fast auf das Dreifache. Freuen darf sich auch der Einlieferer von Franz von Stucks „Die Quelle des Lebens“. Ein Münchener Privatsammler bot 30 000 Euro für die Ölskizze des Malerfürsten (Schätzung: 12 000 Euro).

Am nächsten Wochenende lädt nun das Kunsthaus Lempertz zur Vorbesichtigung in seine Berliner Dependance. Gezeigt wird eine Auswahl moderner und zeitgenössischer Kunst sowie Fotografie, die das Kölner Traditionshaus ab dem 29. November in seiner 1000. Auktion versteigert. Spitzenlose sind mit 300 000- 350 000 Euro Alexej von Jawlenskys „Stilleben mit Weinflasche“ (um 1912) und Hermann Max Pechsteins „Waldinneres“ (200 000-250 000 Euro). Ansonsten sind vor allem Papierarbeiten im unteren sechsstelligen Bereich von Emil Nolde, Ernst Ludwig Kirchner oder Pablo Picasso im Angebot. Auch die Zeitgenossen zeigen sich nicht gar so jubiläumswürdig. Die Marktstars Gerhard Richter und Sigmar Polke sind mit Taxen ab 30 000 Euro vertreten. Jörg Immendorffs finsterer Deutschland-Kommentar „Brrr“ von 1975 soll mindestens 70 000 bringen und Georg Baselitz’ „Frau am Fenster“ mindestens 100 000 Euro. Michaela Nolte

Kunsthaus Lempertz, Poststraße 22; Vorbesichtigung: 9. & 10.11., 10-17 Uhr, 11.11., 10-15 Uhr.

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