Kultur : "Traffic": Jagdszenen aus Grenzgebieten

Christiane Peitz

Stell dir vor, es ist Krieg, und du merkst es nicht. Du dinierst im Golfclub, führst das luxuriös-sorglose Leben einer Millionärsgattin und hast keine Ahnung, womit dein Mann sein Geld verdient. Es ist dir egal. Aber dann wird dein Mann verhaftet, kriminelle Gläubiger versuchen obendrein, deinen Sohn zu entführen, und du musst feststellen, dass du die Ehefrau eines Drogenbarons bist. Von einem, der bei den schmutzigen Deals mit der verbotenen Ware im ganz großen Stil absahnt. Und du hast die Wahl: Entweder du verlierst alles, oder du rettest deine Familie und steigst selbst ins Geschäft ein.

Catherine Zeta-Jones spielt Helena: eine schwangere Lady und Mutter, die den family values zuliebe ungeahnte kriminelle Energien entwickelt. Zeta-Jones tut dies auf großartige Weise: als Glamour-Star und Material Girl, das sich eine neue Identität zulegt, ohne auch nur mit der perfekt getuschten Wimper zu zucken. Und Regisseur Steven Soderbergh schaut ihr zu. Er beobachtet sie, nein, nicht mit sezierender Schärfe oder vorschnellem Verständnis, sondern mit atemloser Neugier. Er will es genau wissen. Er führt selbst die Kamera, trägt sie auf der Schulter und jagt nach Bildern vom Drogengeschäft, von dem er niemals behauptet, dass er dessen Strategien durchschaut. Mit anderen Worten: Er ist Helena ziemlich nahe - wie allen anderen Figuren seines Ensemblefilms. Zu nahe, um sich einen Überblick zu verschaffen. Und doch weit genug weg, um ihnen nicht auf den Leim zu gehen.

Eine verwirrende Geschichte. Oder besser: nicht eine, sondern drei oder vier. Jede hat ihre eigene Farbe, ihr eigenes Format. Die Geschichte vom Drogenboss und seiner Frau im Villenvorort von San Diego: das Design der weißen Upperclass. Die von den beiden Cops in der heißen, mexikanischen Wüste, die in den Krieg zwischen zwei Tijuana-Drogenkartellen verwickelt werden: schmutzig-gelbe Farbfilter, man spricht spanisch - ein Western nach B-Picture-Art. Drittens die Story vom US-Richter und zunehmend verstörten Karrieristen aus Ohio (Michael Douglas), der als oberster Drogenfahnder der Nation aufgebaut werden soll, bis er feststellen muss, dass seine Tochter Caroline (Erika Christensen) längst an der Nadel hängt: Die Räume der Macht taucht Soderbergh in kaltblaues Licht.

Dann sind da noch die kleinen Leute. Die Zwischenhändler, die Straßendealer, die Undercover-Ermittler der staatlichen Drogenpolizei. Korrupte Beamte, aufrechte Fahnder, Aussteiger, Kronzeugen, Crackhaus-Bewohner. Geschlossene Gesellschaften. Selbst wenn sie einander nie begegnen, hängen sie doch an der gleichen Versorgungskette und sind in den gleichen Teufelskreis verstrickt. Soderbergh zeigt den verhängnisvollen Zusammenhang all derer, die vom Drogengeschäft profitieren: von den Süchtigen bis zu den Sonntagsrednern, ganz oben im Weißen Haus. Das Drehbuch von Stephen Gaghan entstand übrigens frei nach der britischen TV-Serie "Traffik" über den Drogenhandel zwischen Pakistan und England. Das Geschäft ist eben weltweit das Gleiche.

Zweieinhalb Stunden Drogenkrieg also. Das Besondere, Aufregende, Verstörende an "Traffic" ist Soderberghs minutiös austarierte Balance zwischen Distanz und Nähe, mit der er sich jedes Urteils und jeder Komplizenschaft enthält. Nach seinen Genre-Filmen "Out of Sight", "The Limey" und "Erin Brockovich" hat er mit den Mitteln des Hollywoodkinos einen Independentfilm gedreht. Oder auch umgekehrt, begibt er sich doch an die prekären Grenzen der Genres, des Thrillers, des Actionkinos, des sozialen Realismus. An diesen Grenzen wird der Blick schärfer: auf den Glanz in den Augen Carolines, wenn sie ihren ersten Trip wirft, genauso wie auf die Ohnmacht der Mächtigen oder auf die verzweifelte Coolness des schlechtbezahlten, mexikanischen Cops, den Benicio Del Toro mit atemberaubendem Understatement spielt.

Stell dir vor, es ist Krieg, und du kannst ihn nicht gewinnen. Mit dem Drogenproblem, schreibt der US-Filmkritiker Roger Ebert, sei es wie mit einem Punching-Ball. Man arbeitet sich daran ab; und am Ende ist es immer noch da, unbeeindruckt. Soderbergh, und darin besteht seine Meisterschaft, wird nicht müde, sich mit seinem Stoff 147 Minuten lang herumzuschlagen. Er weiß keine Lösung und flüchtet sich dennoch nicht in Zynismus. Zuletzt gehört seine Sympathie denen, die den Kampf immer wieder neu aufnehmen. Das letzte Bild schenkt er nicht dem zum fürsorglichen Papa bekehrten Michael Douglas (ein dem Mainstream zugestandenes Happy-End?), sondern jenem kleinen Fahnder, der Helena und ihrem Millionärsgatten auch in Zukunft in ihrer schicken Villa auflauern wird.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben