Kultur : Tragik der Ironie

Wie das Jerusalem Quartett im Konzerthaus Schostakowitschs Streichquartette entschlüsselt

Martin Wilkening

Das Streichquartett gehört nicht gerade zu den bevorzugten Gattungen in der russischen Musik des 20.Jahrhunderts, weder Prokofjew noch Strawinsky haben sich auf diesem Feld besonders umgetan. Und Dmitri Schostakowitsch hatte sich mit fünf Sinfonien und als Opernkomponist längst einen Namen gemacht, als er zum ersten Mal ein Streichquartett komponierte. Es geschah im Zeichen der Krise. Nach der Verurteilung seiner Oper Lady Macbeth sah er sich Hetze und Repressionen ausgesetzt. Zwischen 1938 und 1974 entstanden fünfzehn Streichquartette, in denen Schostakowitsch nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch sich selbst gegenüber alles wagte und sagte, was er sonst verschwieg. Die klassische Form und der strenge Satz in vier Stimmen werden sowohl noch einmal erfüllt und bis zur Auflösung getrieben. Es ist eine bekenntnishafte Musik, in der die Angst immer wieder zum Thema wird, Angst vor dem Ende der Zeit, Angst vor den Masken ringsum, Angst davor, das Innere zu entblößen. Und in dieser Selbstreflexion stößt Schostakowitsch in eine Freiheit des Ausdrucks vor, die im letzten der Quartette in einem einzigen Ton das Ganze der Kunst zu beschwören vermag.

Das Jerusalem Quartett stellte jetzt im Konzerthaus mit drei Konzerten die erste Hälfte seines Schostakowitsch-Zyklusses vor, der in drei November-Konzerten fortgesetzt wird. Der kleine Saal war relativ gut besucht, aber es bleibt doch ein Rätsel, warum sich nicht mehr Menschen in dieser Stadt durch eine solche Reihe von internationalem Format, die außerdem im Amsterdamer Concertgebouw, der Londoner Wigmore Hall und in Vancouver präsentiert wird, angezogen fühlen. Die vier jungen Musiker aus Israel, in kurzer Zeit zu Recht in die Weltspitze der Streichquartette aufgestiegen, spielen ihren Zyklus nicht in chronologischer Folge, sondern kombinieren frühere, mittlere und späte Werke, was einerseits eine Entlastung bedeutet, weil Schweres mit Leichterem wechselt, andererseits aber vor allem eine Verdichtung der Hörerfahrung.

Denn die unerhörte Plastizität, mit der das Jerusalem Quartett noch den unscheinbarsten Gesten Präsenz verleiht, wirkt, als werfe das späte Werk mit seinen ausgedünnten Strukturen seinen erhellenden Schatten auf den ganzen Quartett-Kosmos des Komponisten. Gleich mit den ersten Tönen des 6. Quartetts, das den Zyklus eröffnete, sagt der umwerfend musikalische Bratschist Amihai Grosz alles über das Wesen dieser Musik, ihre tragische Balance zwischen Sein und Schein. Die Musik gleitet aus einer klagenden Geste wie von fern her in das Pulsieren der Zeit. Nichts von der folgenden Terzenschwelgerei ist, wie es scheint. Das Als-ob pointiert das Jerusalem Quartett meisterhaft.

Was sich hier, in gespannter Ironie, andeutet, gewinnt im nächsten Quartett verstörendes Potential. Das einsätzige dreizehnte ist wohl das persönlichste, eigenartigste, vielschichtigste der Quartette, bevölkert von gespenstischen Ein- und Ausbrüchen. Hier wechseln Momente, die fast freejazzartig auseinanderdriften, mit choralhaften Beschwörungen, es ist Musik, die nicht mehr weiterweiß, Grenzen bis zur Aufgabe des Gestaltungswillens auflöst, sich reduziert bis auf ein nacktes Klopfen auf Holz.

Der Klang des Jerusalem Quartetts besitzt eine erstaunliche Fülle, und das Volumen ist in einem Maße steigerungsfähig, dass für jedes Stück ein sehr charakteristisches Relief entsteht. Die Energie scheint aus den unteren Stimmen emporzuwachsen.

Weitere Konzerte am 8., 9. und 10. November im kleinen Saal, Konzerthaus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben