Kultur : Training für Tele-Talibans

Gabriele Blome

"In Ihrem Zustand würde ich das Auto nicht mehr volltanken," raten die "Fit-für die-Macht-Trainer" dem nicht mehr taufrischen Abgeordneten-Anwärter und verweigern dem Politiker in spe den Zugang zum Bundestag mit dem Hinweis: "Das Auge wählt mit". Und Stoiber: die weißen Haare, der weiße Teint, "sieht aus wie eine halbgare Pommes". Mit dem joggenden Außenminister dagegen sind die Fitnesstrainer zufrieden, weil er "in seinem Gesicht alle Hunger- und Klimakatastrophen der Welt vereinigt". Rudolf Scharping ("in Rudis Reich geht die Sonne nicht mehr unter") allerdings gilt hier überraschend als "ein hoffnungsvoller Fall". Man ist sich sicher: "Den haben die Russen in den 80ern in ihren Geheimlabors gebaut".

"Bombenstimmung" lautet der Titel des neuen Distel-Programms. Eingeläutet wird mit der trotzigen Parole: "Das Kabarett ist tot, die Distel spielt weiter". Zwar ließ ein Blick über die vielen ergrauten Häupter im Publikum über die Zukunft des Kabaretttheaters an der Friedrichstraße spekulieren, doch vom Aussterben ist die Stammkundschaft des Traditionshauses offenbar nicht bedroht. In gelöster Familienfeierstimmung begeisterten sich auch die Enkel am Premierenabend. Unter der Regie von Peter Ensikat spielen Dagmar Jaeger, Stefan Martin Müller und Michael Nitzel erstklassiges politisches Kabarett, musikalisch begleitet von Bernd Wefelmeyer (Piano) und Mathias Lauschus (Trompete, Drums), die mit ihren Einlagen wahrlich "Bombenstimmung" verbreiteten.

Der temporeiche Abend durchpflügt die Lage der Nation in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten, in denen jeder auf seine Weise sein Heil sucht: Durch Pestviren als Altersvorsorge oder mit dem Klageruf "AchwarumsindwirkeineAmeisen", denn "der sogenannte freie Wille ist es doch, der Deutschland kaputt macht". Abgesehen von den üblichen Seitenhieben gegen Politiker, grüne Kriegsbegeisterung ("das Schlachtfeld der Zukunft mit Krötenschutzweg und solarbetriebenen Mehrwegraketen"), Pisastudie und Terrorhysterie hinterlässt das Programm nur bei der Frage nach Sharons Israelpolitik ein mulmiges Gefühl: "Wenn man in der DDR etwas gegen Ulbricht gesagt hat, war man Antikommunist, wenn man heute etwas gegen Sharon sagt, ist man Antisemit", provoziert Stefan Martin Müller und zieht ironisch die bedenkliche alte Lehre: "Da halt ich lieber meine Klappe, wie 40 Jahre in der DDR gelernt."

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