Kultur : Trance und Orgie

Neue Strahlkraft: Christian Scott, Joachim Kühn und Pharoah Sanders eröffnen das Berliner Jazzfest.

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Es gibt unübersehbare Signale, die bereits vor Konzertbeginn von der neuen Strahlkraft des Berliner Jazzfests künden. Dass sich Menschen vor dem Haus der Festspiele drängeln, um noch eine Karte für das ausverkaufte Eröffnungskonzert zu ersteigern, ist so ein Indiz. Dass das Deutschlandradio den ersten Abend bundesweit live überträgt und somit den Jazz aus der Nachtschicht in die beste Sendezeit katapultiert, setzt ein Zeichen.

Christian Scott, der gefeierte 30-jährige Trompeter aus New Orleans stellt sein neues Sextett vor, darunter den 22-jährigen Braxton Cook, der virtuos das selten zu sehende gerade Altsaxofon bläst, und Schlagzeuger Cory Fonville, erst 23 Jahre alt, doch bereits souverän unterschiedlichste Schulen seines Instruments transformierend. Was Scott geschickt für seine Musik nutzt, ist die transidiomatische Kompetenz seiner Generation. Nur beiläufig erwähnt er, dass Musiker, wie er sie kennt und fördert, bereits mit Kindesbeinen Bühnenluft inhalieren.

Wie ihre neue musikalische Umgangssprache nun klingt, und wie Scott sie in einen kompositorischen Kontext namens „Stretch Jazz“ übersetzt, wird im Eröffnungskonzert demonstriert. Rock, Hip- Hop, Neo-Soul oder Hard-Bop sind bei Scott nur kreative Segmente eines neuen Ganzen. Wo die Zitat- und Imitationspraxis des Neo-Jazz oft an der Schwere der Traditionslast scheiterte, so befreit klingt nun Scotts Umgang mit der Second Line Music seiner Heimatstadt und der Zusammenführung der verschiedenen improvisierten Linien in einem einzigen Song. Dass der sozialkritisch ambitionierte Musiker zum Schluss an den Bühnenrand tritt und, ohne Mikrofon, ein langsames Bluessolo in den Raum zaubert, macht deutlich, worum es diesem Könner geht: dass der Funke überspringt.

Das gelang im Anschluss auch Joachim Kühn, der sein langjähriges Trio mit Ramón López und Majid Bekkas um Gnawa- und Voodoo-Perkussionisten aus Marokko und dem Senegal erweiterte. Wie intensiv sich der Pianist in den letzten zehn Jahren mit afrikanischen Rhythmussprachen, ihrer sozialen Verankerung und Funktion bei Heilungszeremonien und Geisterbeschwörung, beschäftigt hat, wurde bereits am Vorabend im Jazzfest-Haus bei der Premiere von „Transmitting“ deutlich. Der Dokumentarfilm von Christoph Hübner zeigt, wie sich Kühn während einer musikalischen Reise durch Marokko rituellen Klängen nähert.

Daraus entstanden ist eine aufwändige Festivalproduktion, die wie Jazzfest-Leiter Bert Noglik sagt, wohl einmalig bleiben wird. Auch, weil man sich den großen Tenorsaxofonisten Pharoah Sanders geleistet hat. Was sich dann in den nächsten 90 Minuten zur perkussiven Orgie steigert, bietet die Plattform für Kühns eindrucksvolle, tranceartige Improvisationen. Er dirigiert vom Klavier aus das Geschehen, Sanders korrespondiert mit mal ekstatischen, mal lyrischen Eruptionen und, auch im Alter von 73 Jahren immer noch präsent, seinem überwältigenden, unverwechselbaren Sound. Standing Ovations. Christian Broecking

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