„Transaktionen“ im Haus am Lützowplatz : Welchen Wert hat die Kunst?

Exorbitante Auktionspreise, darbende Künstler und das Nord-Süd-Gefälle: Die Ausstellung „Transaktionen“ reflektiert die Absurditäten im Raum zwischen Kunst und Markt.

Claudia Wahjudi
Videostill aus Christian Jankowskis "The Finest Art on Water" von 2011. Der Berliner Künstler ließ einen Luxusboot-Händler am Stand seiner Galerie ein Speedboot anbieten. Für 500 000 Euro.
Videostill aus Christian Jankowskis "The Finest Art on Water" von 2011. Der Berliner Künstler ließ einen Luxusboot-Händler am...

Über den Wert künstlerischer Arbeit ist viel gestritten worden: über ihren Beitrag zu Gesellschaft, Wirtschaft und Bildung, aber auch über die Höhe von Ausstellungshonoraren und exorbitante Auktionspreise. „Wo Kunst teuer ist, wird sie im Grunde abgelehnt“, schrieb der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich bereits 2003. Teure Kunst nähre bei sparsamen Menschen Ressentiments gegen sie und bei ihren Käufern ein „Gefühl von Sünde und Verschwendung“.

Eine hintergründige Ausstellung belebt diese Diskussion jetzt neu. Im Haus am Lützowplatz hat Kurator Marc Wellmann unter dem Titel „Transaktionen“ Arbeiten von zehn Künstlern und zwei Kunstteams zusammengetragen – zu einem konfrontativen Meinungsaustausch, den Abendgespräche mit Experten wie Wolfgang Ullrich ergänzen.

Der Status bestimmt den Preis

Um Geld geht es in „Transaktionen“ selbstverständlich auch. Christian Jankowski erinnert mit einem Video und zwei Modellbooten an seinen Auftritt auf der Frieze-Messe in London 2011. Da überspitzte der Berliner Künstler, was auf dem Kunstmarkt alles möglich ist. Er ließ einen Luxusboot-Händler am Stand seiner Galerie ein Speedboot für 500 000 Euro anbieten. Wer bereit war, 125 000 Euro mehr zu zahlen, durfte das Boot „Christian“ taufen. Und wer für eine Luxusyacht statt 65 sogar 75 Millionen Euro zahlen wollte, konnte Besitzer eines Schiffs namens „Jankowski“ werden.

Gleich daneben hängt ein schlichter Kassenzettel aus dem Supermarkt, eine frühe Arbeit von Thorsten Goldberg. Goldberg sammelte bei seinen Einkäufen Bons, rahmte und signierte sie und verkaufte sie zum Preis der gelisteten Lebensmittel, hier neun D-Mark und einige Pfennige. Allein in dieser Ausstellung hängt also Kunst, die einmal zwischen fünf und 75 Millionen Euro wert sein wollte. Man muss nicht Ökonom sein, um zu erkennen, dass hier nicht Nachfrage und Angebot den Preis bestimmten, sondern der Anlass des Verkaufs und der jeweilige Status des Künstlers.

Michael Sailstorfer machte Menschen zu Goldgräbern

Schwieriger ist es, über den sozialen Wert von Kunst zu sprechen. Pilvi Takala aus Finnland gastierte als künstlerische Praktikantin in einer Firma. Während dieses Monats dachte sie vor allem nach, schien etwa im Lift, in dem sie mit versteckter Kamera auf und ab fuhr, ihre Zeit zu vertrödeln. Das amüsierte und irritierte ihre Kollegen, wie sich in Takalas verwackeltem Film erkennen lässt. Wie soll man den Effekt solch einer Intervention bewerten – und soll man überhaupt? Oder Michael Sailstorfers Intervention Ende 2009? Da lud er die Bewohner von Pulheim ein, nach kleinen Goldbarren zu graben, die er auf einer Brachfläche des Städtchens bei Köln verbuddelt hatte. Ist die Aktion, die Kinder und Alte, Alteingesessene und Zugezogene in Hemdsärmeln und Gummistiefeln zusammenbrachte, nicht selbst Gold wert?

Der dritte Schwerpunkt der Schau liegt auf dem Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd, von dem auch Künstler profitieren, etwa durch Sponsoring multinationaler Konzerne. Oder wenn an ihrer Kunst Arbeiter aus dem Süden zu den dort üblichen Löhnen mitwirken wie in Santiago Sierras Tattoos auf den Rücken kubanischer Tagelöhner. Anders verhält es sich in einer Siedlung für Plantagenarbeiter in Lusanga, Kongo. Der niederländische Künstler Renzo Martens ließ dort von den Arbeitern künstlerisch gestaltete Schokoladenfiguren für den internationalen Kunstmarkt herstellen. Während des Projekts gründete sich das Kulturzentrum CATPC (Cercle d’Art des Travailleurs de Plantation Congolaise). Heute geht der Erlös aus den Figuren dem Künstler und Kurator zufolge in das neue Kulturzentrum.

Der Gender Pay Gap in der Kultur wird nicht thematisiert

Das Kulturzentrum lässt am Lützowplatz auch einen Film laufen, der einen Plantagenarbeiter beim anstrengenden Bau einer Hütte zeigt. Im Saal vermischt sich der Ton mit dem pathetischen Sound aus Jankowskis Werbevideo für die Boote, und nun wirkt der Mann wie ein wahrer Held der Arbeit. Das ist nur recht und billig in einem Ausstellungshaus, das einst von Gewerkschaftern und Sozialdemokraten ins Leben gerufen wurde. Eben deshalb bleibt aber auch unverständlich, warum der Gender Pay Gap in der Kultur, die ungleiche Bezahlung von Künstlerinnen und Künstlern, hier nicht zum Thema geworden ist.

Haus am Lützowplatz, bis 20. August, Di-So 11-18 Uhr. – Die nächsten Gespräche: 6.7., 19 Uhr: „Gesellschaft“, mit Ellen Blumenstein. 20.7., 19 Uhr: „Fortschritt“, mit Holm Friebe. 19.8., 21 Uhr, „Kreativität“, mit Wolfgang Ullrich

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