Transart-Triennale in den Berliner Uferstudios : Heiße Luft und brennende Fragen

Auf der Suche nach sich selbst: Die Transart-Triennale ist überfordert mit der Gegenwart. Zu sehen ist viel pseudo-philosophischer Blub - und einige künstlerische Perlen.

Julius Heinrichs
Ein Teil der Performance "Seven Days of Happening".
Ein Teil der Performance "Seven Days of Happening".Foto: Driewieler Collectief

Bescheidenheit war nicht die Stärke der zweiten Transart-Triennale in den Uferstudios in Wedding. Das Anliegen war kein geringeres als die Ergründung des Selbst. Das Motto „The Imperceptible Self“ ist angelehnt an einen Essay der italienischen Philosophin und Feministin Rosi Braidotti. Die These in Kurzform: Das Selbst wird durch ständige Wandlungsprozesse wie Globalisierung, Digitalisierung, Politisierung immer schwerer fassbar.

Der Begriff „Prozess“ entpuppt sich denn auch als eines der Lieblingsworte der parallel stattfindenden Ausstellung. Prozess hier, Prozess dort. Kaum eine der gezeigten Arbeiten ist vollendet, viele sind im Werden. Die ausrichtende Transart-Kunsthochschule nutzt die Triennale als Startpunkt einer dreijährigen Auseinandersetzung. Zukünftig wird es einen Blog, eine Publikation und weitere Arbeiten zum Thema geben. Einstweilen stellten sich den Besuchern weit mehr Fragen, als Antworten gegeben wurden.

Beteiligt sind 120 Künstler aus 38 Ländern. Es gibt Diskussionen, Konzerte, zwei Ausstellungen, zwei Videoräume, Performances und Klanginstallationen. Die Arbeiten schwanken sehr in Qualität und Tiefe. Das Werk „Doppelkaktus“ von Klaus Weber gehört noch zu den überzeugendsten.

Tütensuppen-Philosophie

Zwei echte Kakteen in schwarzen Plastiktöpfen, die Spitzen gekappt und aneinander gepfropft, liegen drapiert auf einem Spiegel. Die Idee dahinter erklärt der Kurator William Kherbek: Durch das Zusammenwachsen bilden die beiden Pflanzen nun einen einzigen, neuen Organismus. Trotz der Verbindung driften die beiden Wurzelballen beim Weiterwachsen zwangsläufig auseinander. Wie Paare, die sich angleichen und dabei doch voneinander entfernen. Eine nette Metapher, muss man nur drauf kommen.

Noch schwieriger ist das bei Lou Cantors „Crowd Control“. Zu sehen ist ein mit Sprüchen bedrucktes Personenleitsystem. Es wurde vom Künstler zuvor an öffentlichen Orten aufgestellt. Und laut Kurator Kherbek hielten die Menschen sich an die raumteilerbedingte Aufteilung. Kunst als Symbol, Regeln nicht einfach unhinterfragt anzunehmen.

Klingt nach Tütensuppen-Philosophie: Man hätte auch ein Stoppschild an einer beliebigen Stelle aufstellen können. Um dann festzustellen, dass viele Menschen deswegen anhalten. Meistens stehen solche Objekte an wohlüberlegten Orten. Warum sie also hinterfragen? Weil das Schild auch ein ambitionierter Künstler hätte aufstellen können? So genau erschließt sich das den Triennale-Besuchern aber ohnehin nicht: Sie sehen nur einen Raumteiler mit Sprüchen.

Poetische Selbstbetrachtung mit Werbeslogans

Eine ganz andere Hausnummer ist die Videoinstallation „I can. You Can.“ von Marko Schiefelbein. Zu sehen ist eine Frau, strenge Frisur, auf einem braunem Sofa. Sie sagt, was sie so alles ist. Das Ganze klingt nach einer poetischen Selbstbetrachtung. Nur sind ihre Sätze Slogans und Werbebotschaften entnommen. Sie verbreitet ein von der Industrie manipuliertes Selbstbild, was eindrucksvoll zu erleben ist.

Auch der erste Eindruck von Larissa Sansours Videoinstallation „Nation Estate“ ist spannend. Sie entwirft das Land Palästina als Hochhaus, dessen Regionen den einzelnen Stockwerken entsprechen. Was sich daraus ergibt, bleibt jedoch offen. Die Arbeit bleibt ein schön bebildertes Konzept. Überzeugend dagegen „Ufo Hunters II“ von Mehreen Murtaza. Zugrunde liegt die Idee, ein jeder könne ein Alien auf der Erde werden. Denn diese verändere sich, ohne dass daran etwas zu ändern ist. Fremdsein im Gewohnten ist das Thema. Fotos von kargen Landschaften, Kratern und kaputten Häusern hängen an den Wänden und kleben auf dem Boden. Eine starke, düstere Bildsprache.

Insgesamt bleibt von der Triennale der Eindruck, dass die eine oder andere künstlerische Perle zu entdecken war – zwischen viel pseudo-intellektuellem Blub.

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