Kultur : Transatlantik

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Bernhard Schulz staunt über

die „American Season“ in Berlin

Franz Kafka war nie in Amerika. Die Welt der Maschinen und entfremdeten Arbeit, der er den Helden seines Romanfragments jenseits des Atlantiks aussetzt, kannte der Versicherungsjurist allzu gut – allerdings aus den Fabriken Böhmens. Jetzt steht Kafkas „Amerika“ in dramatisierter Form auf dem Spielplan des Berliner Maxim Gorki Theaters – und auf dem der „American Season“, einem Programm, dessen Broschüre die „einzigartige Gesamtinszenierung amerikanischer Kunst und Kultur in Berlin“ anpreist.

Armer Kafka! Derart widerfährt ihm, was einen Karl May – noch ein Autor, der das Land seines Winnetou nie betreten hat – womöglich gefreut hätte. Und auch sonst kehrt das Programm , das morgen von seiner Initiatorin, Kulturstaatsministerin Christina Weiss, mit einem Festakt in der Philharmonie eingeläutet wird, an Berliner Veranstaltungen zusammen, was irgendeinen Bezug zu Amerika aufweist – und ohnehin gespielt wird: ob Konzerte des Festivals „Maerzmusik“ zu Charles Ives oder Rainald Goetz’ Stück „Jeff Koons“, in dem es kaum um Kunst und schon gar nicht um den amerikanischen Künstler gleichen Namens geht. Den globalisierten Kulturfreund amüsiert’s auf den ersten Blick – und ärgert’s auf den zweiten. Offenbar fällt keinem der Verantwortlichen auf, dass die mit dem Gratis-Rahmenprogramm vollzogene Amerikanisierung des Berliner Gastspiels des Museum of Modern Art den ursprünglichen Intentionen dieses internationalen Hauses glatt zuwider läuft. Die eilfertige Einbindung in den „transatlantischen Dialog“, programmatisch sichtbar an der von Berliner Seite erbetenen Schirmherrschaft der MoMA-Ausstellung durch die Außenminister beider Staaten, bürdet der Kultur die Rolle des Wellenglätters nach den deutsch-amerikanischen Verwerfungen infolge des Irak-Kriegs auf. Kultur oder gar Kunst als Politikersatz?

Dass der MoMA-Gründer Barr seine Anregungen aus dem Deutschland der Zwanzigerjahre bezog, dass amerikanische Künstler in Paris lebten, versprengte Europäer hingegen in New York Station machten – das ist der transatlantische Dialog der Kultur. Die Sammlung des MoMA spiegelt ihn in der Fülle ihrer Sammlung; deutlicher übrigens, als es in der leicht amerikalastigen Auswahl für Berlin zum Ausdruck kommt. Eine „American Season“ ist stets willkommen – aber was es in diesem Jahr des MoMA-Gastspiels zu feiern gilt, ist die grenzsprengende, alle nationalen Besitzansprüche überspielende Kraft der künstlerischen Moderne.

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