• Transatlantische Großeinkäufer sorgten für spektakuläre Preissprünge in der Villa Grisebach

Kultur : Transatlantische Großeinkäufer sorgten für spektakuläre Preissprünge in der Villa Grisebach

Markus Krause

Die armen Amerikaner. Fünf Uhr in der Früh war es jenseits des Atlantik, als am vergangenen Sonnabend um elf Uhr in der Villa Grisebach die Foto-Auktion begann. Der frühe Termin hinderte sie jedoch nicht, beherzt zu den Telefonen zu greifen. Nordamerikaner und Kanadier waren es dann auch, die das Berliner Geschehen - gemeinsam mit den Engländern - über weite Strecken beherrschten. Vielleicht sollte man sich in der Fasanenstraße das nächste Mal gleich auf englisch als Verkehrssprache einigen. Im Vergleich zum anglo-amerikanischen Foto-Markt sind die Preise in Deutschland immer noch verhältnismäßig niedrig. Da muss man einfach zugreifen.

Immer wieder kam es zu spektakulären Preissprüngen. Johannes Fischers Porträt von Egon Schiele aus dem Jahr 1915 ging für 31 000 statt 5000 Mark nach England, desgleichen Moritz Nährs Foto von Gustav Klimt (um 1910), das von 6000 sogar auf 72 000 Mark kletterte und damit einen neuen Höchspreis für eine einzelne Fotografie in Deutschland erzielte. Kanadische Privatsammler sicherten sich für 22 000 Mark das aus der Pionierzeit der Fotografie stammende Doppelporträt "Mary and Margret Mccandlish" (um 1843-47, Taxe 3000 Mark) von David Octavius Hill und Robert Adamson sowie die Foto-Ikone "BMW-Flügel" von Peter Keetman von 1956 für 44 000 Mark (Taxe 9000 Mark) - auch dies ein Rekord, diesmal für eine deutsche Nachkriegsfotografie. In Nordamerika wiederum fand man nicht nur Albert RengerPatzschs Industriefoto "Konverterbühnen, Walzwerk Peine", um 1927/28, für 4000 Mark viel zu billig (Zuschlag: 26 000 Mark), sondern zum Beispiel auch Wolfgang Straches Foto einer Frau mit Gasmaske und Kinderwagen, aufgenommen am Kurfürstendamm nach einem Bombenangriff 1943. Diese Arbeit lag zwar nur in einem Abzug aus den 70er Jahren vor, wurde aber trotzdem von 2000 auf stolze 29 000 Mark emporgesteigert.

Solche Höhenflüge waren den anschließenden ausgewählten Bildern und Plastiken des 19. und 20. Jahrhunderts nicht vergönnt. Hier blieben die meisten Werke schön brav im Rahmen der Schätzung. Dennoch konnten immerhin rund 70 Prozent der angebotenen Stücke verkauft werden. Viele überdies zu ansehnlichen Preisen. So bot ein deutscher Privatsammler gleich zu Beginn 220 000 Mark für ein mittelgroßes Pastell von Lesser Ury, das freilich sein beliebtestes Motiv zeigt: Berlin bei Nacht, mit einer Pferdedroschke auf regennassem Asphalt. Ebenfalls einem deutschen Privatsammler zugeschlagen wurde mit 250 000 Mark etwas oberhalb der Taxe Georg Kolbes schöne Holzplastik "Kleine Tänzerin" von 1912, während Wilhelm Lehmbrucks Steinguss "Mutter und Kind" (1919) mit Flechtheim-Provenienz für 500 000 Mark von einem Berliner Privatmann übernommen wurde.

Überhaupt die Berliner: Sie waren etwa noch bei Schmidt-Rottluffs lebhaft farbigem Ölgemälde "Erstaunendes Gesicht" von 1924 zu 480 000 Mark und Ernst Wilhelm Nays Scheibenbild "Purpur und Ultramarin" (1959) zu 490 000 Mark erfolgreich. In Deutschland blieben weiterhin Willi Baumeisters "Montaru 16" von 1953 zum Schätzpreis von 400 000 Mark und Emil Schumachers wunderbare frühe informelle Abstraktion von 1956, die mit 150 000 Mark zu den wenigen Arbeiten gehörte, die ihre Schätzung nennenswert zu übertreffen vermochten.

Doch auch die Amerikaner waren nach dem frühen Tagesbeginn offensichtlich noch nicht wieder zu Bett gegangen. Mit 825 000 Mark zahlte ein New Yorker Sammler etwas mehr als den unteren Schätzpreis für Erich Heckels Ölgemälde "Stehendes Mädchen" aus dem Jahr 1913. Nicht nur er konnte sich danach erschöpft, aber zufrieden zurücklehnen. Auch Bernd Schultz von der Villa Grisebach dürfte nach der Auktion erleichtert gewesen sein. Zwar hatte es eine Reihe von Ausfällen gegeben, doch gab sich das Gesamtbild zum Schluss so solide, wie es bei dem gegenwärtig unberechenbaren Kunstmarkt kaum zu erwarten gewesen war.

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