Kultur : "Transferatu": Computermäuse aus Transsylvanien

Aureliana Sorrento

Anfangs ist die Aussicht versperrt. Im blauen Licht flimmert der tote Winkel eines Interieurs: Fenster, Tisch, Klimbim, zerklüftete Wand, eine Glühbirne baumelt von der Decke. Man bewegt sich weiter, mit Hilfe der Maus. Da leuchtet eine Fensterscheibe, dort öffnet sich ein Schlitz in der Wand, der Raum weitet sich. Ein Sturzbach kommt in Sicht. Am Ufer dieses Baches hockt dann ein kurioser Taucher mit einem Computergehäuse auf dem Rücken und einem Bildschirm vor dem Bauch, der sich des Sonnenscheins erfreut. Ebenso ist es möglich, dass sich die blaue Kammer in einen Museumssaal verwandelt, wo der Techno-Taucher diesmal als Karikatur eines Gladiators im Keilrahmen paradiert. Klickt man drauf, zerfließt der Heros in einer Pirouette glitzernder Pixel.

In seiner interaktiven Installation "Barg" - das Akronym für "Bandalacs regional glossary" - hat Olimpiu Bandalac Fotos und Videoaufnahmen der vergangenen zehn Jahre gespeichert: eine Art hypertextueller Spickzettel, der Privates und Öffentliches vermengt. Er führt von den Hauerstreiks des Jahres 1999 zu den alltäglichen TV-Lotto-Miezen und verzeichnet neben Ceaucescus Palast sogar die mythischen Gründer Rumäniens - die römische Wölfin, Romulus und Remus. Bandalacs Werk führt anschaulich vor, was unter "Transferatu" zu verstehen ist.

"Transferatu" ist der Titel einer Ausstellung in der Berliner ifa-Galerie, die neben Olimpiu Bandalac sechs weitere rumänische Künstler versammelt. Die aparte Überschrift wurde aus Transfer, Transsylvanien und Nosferatu gebildet. Sie spielt auf den Transfer kultureller Impulse mit dem Westen an, auf den alten lateinischen Namen Rumäniens und seinen bekanntesten Exportschlager. In Rumänien blicke man endlich in die Zukunft, so Kurator Dan Mihaltianu: Der Ballast der Vergangenheit und die Fesseln der Tradition seien abgeworfen. Wenn nicht in der Politik, so doch wenigstens in der Kunst. Die junge Szene, die seit Anfang der neunziger Jahre mit Video und Computer experimentiert, suche die Balance zwischen Geschichte und Jetztzeit, um das Land in die (westliche?) Gegenwart zu überführen.

Die Ausstellung zeigt, wie sich durch ironische Aneignung öffentlicher und historischer Zeichen die Ablösung vom verstaubtem Erbe vollzieht. Wie in Bandalacs "Barg" werden sie der Privatsphäre zugeordnet und lustvoll demontiert. Andere Künstler wenden sich indessen dem Persönlichen, unscheinbar Alltäglichem, Zufälligem zu. Für Alexandru Patatics zum Beispiel ist ein Teelöffel als Beobachtungsgegenstand genug. "Ein Teelöffel voll" besteht aus fünf Monitoren, die das Essgerät aus verschiedenen Winkeln und bei diversen Bewegungsabläufen, tiefblau oder knallrot angestrahlt, matt oder spiegelnd zeigen. Jeder Monitor ein Detail, die Ansicht kann sich langsam oder rasant verändern. Patatics, der das Klitzekleine ernst nimmt, macht sich einen Spaß mit dem Zeitempfinden des Betrachters.

Der muss sich in Geduld üben, will er Patricia Teodorescus Installation "Ovulatia" (Eisprung) in Augenschein nehmen. Auf ihren drei Bildschirmen passiert nichts außer der ewigen Wiederholung des Gleichen: Drei Mädels gucken fern, ein Frauenkopf wird massiert, ein Frauenmund spuckt die Überraschung aus dem Schoko-Ei aus, um genüsslich wieder an ihr zu nuckeln. Nonsens oder eine Anleitung, wie man am besten seine Zeit totschlägt?

Die Künstlergruppe Rastopasca hat hingegen mittels Kamera die Beschleunigung unter die Lupe genommen. Sie lässt zwei Kameras in alle Richtungen flitzen, kreisen, wirbeln. Die gezeigten Aufnahmen von Himmel und Dächern flimmern nun mit Karacho über denselben Bildschirm und stoßen in der Mitte aufeinander. Ein Spruchband darunter erklärt, dass die Autoren "den Wettbewerb filmen" wollten. Sie seien aber letztlich in Kontemplation verfallen, während die Kamera von selbst weiter gedreht habe. Nach der Entmachtung des Künstlers wird das Medium zum Schöpfer.

Auch Sándor Bartha und Matei Bejenaru loten einerseits die Möglichkeiten ihres Mediums und andererseits ihr Verhältnis zu ihm aus. Bejenarus schwarzweiße Fotobildnisse einer männlichen Walt-Disney-Puppe ahmen die klassischen Posen der Porträtfotografie nach. Doch durch eine Kopf-Hintenüber-Einstellung wird die Illusion der Kanonhörigkeit gebrochen; die Banalität des Sujets zieht die traditionellen Kunstgriffe ins Lächerliche.

Bartha kehrt die Relation zwischen Bild und Betrachter einfach um. Betritt man den Raum seines "Print Screens", der aus einer schwarzen Wand und drei weißen Kinosesseln besteht, erscheinen auf den Sitzen die Silhouetten der Zuschauer. Was mögen diese virtuellen Kinobesucher sehen, wenn die Leinwand dunkel bleibt? Das bleibt offen. Ein Historienschinken wird es wohl kaum sein.

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