Transparenzgesellschaft : Die Durchblicker vom Dienst

17.01.2012 11:11 UhrVon Gregor Dotzauer

Von Wikileaks bis Wulff: Alle versprechen die transparente Gesellschaft. Aber wozu? Der in Karlsruhe lehrende Philosoph Byung-Chul Han warnt vor einem neuen Totalitarismus - mit einem fatalen Hang zur Übertreibung.

Han hat mit seinen Beobachtungen immer recht. Dadurch wird es einseitig

Aber macht das die Begriffe selbst entbehrlich? Oder nur ihre Ausrufung zum sakrosankten Prinzip? Und steht am anderen Ende der Transparenzskala nicht die genauso ausgeleierte Warnung vor dem gläsernen Bürger, die doch eine sehr reale Grundlage hat? In seinem Rundumschlag versucht Byung-Chul Han, auch mit diesen Aspekten kurzen Prozess zu machen, indem er in der Ausleuchtung – und damit Ausbeutung – des Kunden dieselbe Kraft am Werke sieht wie in dessen freiwilliger Selbstentblößung. Einen Vorgang, den er im Wort vom Wandel der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft von Gilles Deleuze übernimmt.

In der „Zeit“ beeilt sich Han zu versichern, dass er nichts gegen die Aufdeckung von Korruption habe. „Die Kritik an der Transparenz gilt ihrer Ideologisierung, Fetischisierung und Totalisierung.“ Da glaubt er, auch den Letzten in der Tasche zu haben: Wer nicht grundsätzlich für Transparenz ist, ist wenigstens grundsätzlich gegen Ideologisierung. Doch muss Han dann ausgerechnet Ulrich Schacht zitieren, einen DDR-traumatisierten neuen Rechten, in dessen Tagebüchern er den Eintrag fand: „Neues Wort für Gleichschaltung: Transparenz“?

Mit solchen Argumenten kann man die Schmalspurpolitik der Piraten in ihren axiomatischen Grund und Boden stampfen. Zur Beurteilung prominenter Einzelfälle, etwa von Kohls Parteispendenaffäre oder der Missbrauchsdebatten, taugen sie nicht. Denn was wären die Gegenbegriffe, wenn man sich nicht zum Abschied vom Entweder-Oder des Prinzipiellen entschließen müsste: Intransparenz, Opakheit, Dunkelheit? Ihr Loblied singt niemand schöner als die Satanisten.

Das Problem ist nicht, dass ByungChul Han mit seinen Beobachtungen im Einzelnen nicht immer wieder recht hätte. Es besteht vielmehr in ihrer Einseitigkeit, bei der es sich im Wesentlichen um eine zeitgenössisch aufgewärmte Vernunftkritik handelt. Hat Nietzsche sie nicht schon vielseitiger betrieben, als er Kants Abstraktionsexzessen eine um Sinne und Triebe erweiterte ästhetische Rationalität entgegensetzte? Haben Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ bei aller Übertreibung die Schrecknisse einer rein instrumentellen Vernunft nicht albtraumhafter ausgemalt? Und hat Paul Feyerabend dem Szientismus nicht schon frecher die anarchistische Zunge herausgestreckt?

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