Transparenzgesellschaft : Die Durchblicker vom Dienst
17.01.2012 11:11 UhrIm Chaos liegen unsere Hoffnungen auf Emanzipation
Die Urszene der abendländischen Transparenzkritik ist vermutlich das Wort des auferstandenen Jesus gegenüber dem ungläubigen Thomas: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Als einziger der zwölf Apostel hatte der Jünger den Herrn nicht beim Zeigen der Kreuzeswunden erlebt. In der Logik des Johannesevangeliums ist dies ein legitimer Appell an das Vertrauen in den Nächsten. Wo kämen wir hin, wenn alles mit Brief, Siegel und wissenschaftlicher Studie abzusichern wäre? Als Grundlage einer großen Religion grenzt es an Obskurantismus: Wir wissen, wie es fliegende Yogis, Scientologen und spiritistische Medien mit ihren Wahrheiten halten.
Der jüngste Versuch, diese Ambivalenz zu fassen, ist „Die transparente Gesellschaft“ des italienischen Philosophen Gianni Vattimo. In seinem im Passagen-Verlag gerade neu aufgelegten Buch erklärt er, „dass a) die Massenmedien bei der Entstehung einer postmodernen Gesellschaft eine entscheidende Rolle spielen; b) dass sie diese Gesellschaft nicht als eine ,transparentere’, selbstbewusstere und ,aufgeklärtere’ charakterisieren, sondern als eine komplexere und sogar chaotischere; und schließlich c) dass gerade in diesem relativen ,Chaos’ unsere Hoffnungen auf Emanzipation liegen“. Die Hoffnung sieht er im Anwachsen der Partikularitäten, die die großen Erzählungen ablösen. Er sieht aber auch, wie die technische Verfasstheit einer tendenziell totalen Kommunikation vor allem Herrschaftsideale bedient. Man wüsste gerne, was Vattimo diesem 1987, also vor Beginn der Internetrevolution verfassten Buch, heute hinzufügen würde.
Die anhaltende Selbstverständlichkeit, mit der wir Transparenz auch in unserem eigenen Leben anstreben, rührt wohl daher, dass wir immer noch von einer grundlegenden Symmetrie zwischen Welt und menschlicher Wahrnehmung ausgehen. Das kritisierte zwar schon Kant, aber Deutschlands führender Neuroethiker Thomas Metzinger bestätigt es aus der Perspektive der Hirnforschung: „Wir sehen nicht das Fenster, sondern nur den Vogel, der vorbeifliegt“, schreibt er in „Der Ego-Tunnel“. „Wir sehen nicht die Neuronen, die in unserem Gehirn vor sich hin feuern, sondern nur das, was sie für uns repräsentieren. Ein im Gehirn aktives, bewusstes Weltmodell ist genau dann transparent, wenn das System keine Möglichkeit hat, herauszufinden, dass es ein Modell ist.“
Aber auch der Umstand, dass das Ich seine gesellschaftliche Bedingtheit nicht durchschauen kann, wie Judith Butler erklärt hat, ist kein Grund, es für unzurechnungsfähig zu halten. „Wenn das Subjekt sich selbst undurchsichtig ist, kann es noch lange nicht tun, was es will, oder seine verbindlichen Beziehungen zu anderen ignorieren.“ Gerade daraus entstehe Verantwortung. Nichts ist deshalb schlimmer als derjenige, der sich selbst gar nicht erst zu verstehen versucht. Es kann nur sein, dass man für diese Tugend etwas braucht, was Robert Kelly für das Lesen von Gedichten beansprucht hat, nämlich „lucid incomprehensibility“. Diese Hellsicht in der Undurchdringlichkeit ist womöglich das Beste, was wir haben.






