Kultur : Trau, klau, wem

Frederik Hanssen

Die Fußballfans haben gut lachen, seit unsere Jungs die Ukrainer mit 4:1 vom Feld geputzt haben. Die Freunde der Singakademie zu Berlin allerdings schauen weiterhin besorgt gen Kiew: Dort nämlich lagern immer noch die 5135 Kompositionen aus dem Archiv des 1791 gegründeten Chores. 1945 von den Russischen Armee aus Preußen mitgenommen, vor zwei Jahren vom Harvard-Professor Christoph Wolff für die westliche Welt wiederentdeckt, sollte der musikalische Fund Gerhard Schröder eigentlich im September übergeben werden. Doch die Katastrophe vom 11. 9. verhinderte den Kanzler-Besuch auf der Krim. Seitdem liegt das Schicksal der unschätzbar wertvollen Manuskrpit-Sammlung in den Händen der deutschen Diplomatie. Bis zum Jahresende, so hofft man, könnte die wertvolle Fracht in der Berliner Staatsbibliothek eintreffen.

Während die Besitzer des Singakademiearchivs geduldig der lange verloren geglaubten Pretiosen harren, haben neugierige Barockmusikspezialisten in Österreicher bereits mit dem Auspacken der Schätze begonnen: Durch die Vermittlung eines ukrainischen Dirigierstudenten, der befürchtete, die wunderbaren Werke aus der Feder der Bach-Söhne, der italienischen Meister und deutschen Hofkapellmeister des 18. und 19. Jahrhunderts "über Nacht" auf Nimmerwiedersehen verschwinden, beschaffte man sich kurzerhand Mirkofilm-Kopien der 250 bedeutendsten Werke. In der vergangenen Woche dirigierte Martin Haselböck in der Wiener Hofburg das erste Konzert mit zwei Kantaten von Carl Philipp Emanuel Bach, der ORF plant im Rahmen einer CD-Reihe mit Erstveröffentlichungen aus europäischen Bibliotheken mehrere Folgen mit Singakademie-Archivmaterial, Ton Koopman ist bereits unter Vertrag, eine Koproduktion mit den Schwetzinger Festspielen in Planung.

1:O für Wien, knirscht der Berliner errötend - und denkt peinlich berührt zurück an das amerikanische Schönberg-Archiv, das 1996 nach Österreich ging, weil sich Berlin zu zögerlich zeigte. Im Fall der Singakademie ist die Angelegenheit allerdings noch beschämdender, weil man sich von den Wienern hier auf dem ureigenen Terrain den Scheid hat abkaufen lassen. Wo, fragt sich der verärgerte Musikfreund, bleibt der hauptstädtische Lokalpatriotismus? Warum hat sich in nicht längst ein runder Tisch zusammengefunden, moderiert vom Chef der Berliner Festspiele, Joachim Sartorius, an dem die Berliner Musikszene von den Philharmonikern bis zur ambitionierten Kirchengemeinde glitzernde Konzertreihen austüftelt? Und was machen die "Partner von Berlin", die es sich doch auf die Fahnen geschrieben haben, alljährlich im Frühjahr die Kulturszene bruttosozialproduktsteigernd in Stellung zu bringen?

Doch bislang zeigt sich Berlin so verschnarcht wie gewohnt. Angesprochen auf die forschen Aktivitäten des ORF zuckt der Programmdirektor von RadioKultur Wilhelm Matejka mit den Schultern: Schallplattenproduktionen mache der Berliner Sender schon seit zehn Jahren nicht mehr, als Veranstalter habe man sich fast komplett zurückgezogen. Mitschnitte seien technisch immerhin möglich. Dafür müssten sich ersteinmal andere aufraffen, Konzerte zu organisieren. Die Singakademie selber, ein gemeinnütziger Lieberhaber-Verein, der zudem immer noch mit vereinigungsbedingten Sonderproblemen zu kämpfen hat, kann die Herkulesarbeit nicht leisten. Hier sind die staatlich subventionierten Hochkulturinstitutionen gefragt - und die Kulturverwaltung: Zumindest eine symbolische Geste, ein Büro, ein paar musikwissenschaftliche Hilfskräfte sollten drin sein angesichts eines der beglückensten Ereignisse der Nachkriegsmusikgeschichte. Sonst darf sich bald Wien "Singakademie-Aufführungsstadt" nennen.

Ein Trost bleibt den Berlinern immerhin: In Seoul ist österreichische Konkurrenz nicht zu fürchten. Bei der WM-Qualifikation wurden die Austria-Kickers mit 0:5 von der Türkei abserviert.

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