Kultur : Trauben des Zorns

Weinbau und Globalisierungskritik: Jonathan Nossiters Film „Mondovino“

Bernd Matthies

Unter den vielen unsinnigen Sätzen, die in unseren Kinos formuliert werden, ist dies vermutlich einer der unsinnigsten. „Wein ist tot“, sagt Aimé Guibert, ein Winzer aus dem Languedoc. Er meint: Wein ist zur Sache großer Unternehmen in der ganzen Welt geworden, und viele davon scheren sich nicht mehr um die traditionelle französische Auffassung vom Weinmachen. Früher hätten wir eine solche Zuspitzung als typisch gallischen Chauvinismus abgehakt, heute gilt sie als authentischer Ausdruck des globalisierungskritischen Diskurses.

Guibert liefert mit diesem Satz das Leitmotiv für Jonathan Nossiters skurrilen Dokumentarfilm „Mondovino“, der 2004 im Wettbewerb des Filmfestivals Cannes uraufgeführt wurde und Donnerstag untertitelt in die deutschen Kinos kommt. Das Kalkül der Produzenten ist längst aufgegangen: In den letzten Monaten hat sich auf den einschlägigen Internetseiten eine heftige Auseinandersetzung entfaltet. Nossiter selbst hinterließ im Forum des Weinkritikers Robert Parker (www.erobertparker.com) kürzlich eine endlose Rechtfertigung.

Tot? Wein war noch nie so lebendig wie heute. Es existieren mehr verschiedene Weinstile als jemals vorher, und jeder, der nach einem bestimmten Geschmack sucht, findet ihn auch. Dennoch dominieren kurz- und langfristige Moden, wie seit Jahrhunderten. Gegenwärtig wendet sich der Markt ab von fetten, holzbetonten Weißweinen im kalifornischen Stil; umgekehrt wandelt sich die Machart der tief in der Tradition verankerten europäischen Rotweine, Burgunder und Rioja, Barolo und Bordeaux, eher in Richtung Neue Welt. Viele sind dichter, fruchtiger, oft marmeladig geworden, und sie müssen nicht mehr ewig im Keller reifen — der junge, von Traditionen unbelastete Kunde will trinken und nicht lagern. Überdies weiß man seit ein paar Jahrzehnten viel genauer, wie Wein funktioniert und hat technische Möglichkeiten, auch miserablem Wetter noch diskutable Qualität abzuringen; das geht oft auf Kosten der Individualität.

Von all dem zeichnet „Mondovino“ nur ein antimodernes, man könnte sagen: reaktionäres Zerrbild. Es besagt, dass ein Geheimbund kalifornischer Multis, verrückter Wissenschaftler, bestechlicher Journalisten und spätfaschistischer italienischer Adliger dabei sei, den (Rot-)Wein kaputt zu machen zum Nutzen des Profits.

Nossiter, ein ehemaliger New Yorker Sommelier und Weineinkäufer, hat zuletzt den Spielfilm „Signs and Wonders“ gedreht. In „Mondovino“ arbeitet er ausschließlich mit Szenen und Originaltönen, die er mit einer hyperaktiv herumirrenden digitalen Handkamera eingefangen und auf eine Länge von immer noch über zwei Stunden zusammengeschnitten hat. Das ist hochinteressantes Material – ärgerlich wird es durch die Art der Montage. Nossiter kommentiert nicht selbst, lässt aber nie unklar, wo seine Sympathien liegen. Seine Weinwelt zerfällt in Helden und Schurken, wobei die Schurken unweigerlich in den USA sitzen: die Mondavi-Familie und der Weinjournalist Robert Parker, unter dessen Einfluss viele Rotweine auf der ganzen Welt moderner, häufig auch uniformer geworden sind. Erfüllungsgehilfe dieses Machtkartells ist der französische Önologe und „Flying Winemaker“ Michel Rolland, der so schön protzig lachend im Benz durch die Gegend fährt, dass Nossiter kaum die Kamera von ihm lassen kann. Die Guten, das sind Guibert und der burgundische Winzer Hubert de Montille, bekannte Traditionalisten, die Rolland nicht mögen und die Amerikaner auch nicht. Guibert war vorneweg, als die Mondavi-Familie vor einigen Jahren aus dem südfranzösischen Aniane vertrieben wurde, wo sie ein paar Hektar Wald in Rebfläche umwandeln wollte.

Das ist lange her. Die internationale Joint-Venture-Strategie der Mondavis ist aus anderen Gründen gescheitert, das Unternehmen verkauft; dennoch fungiert Aniane als Dreh- und Angelpunkt des Films. Das Strickmuster ist durchsichtig, zum Teil beleidigend plump. Die Guten dürfen sich in uferlosen, faktenfreien Andeutungen über allerhand Verschwörungen ergehen, die Bösen kommen mit kaum einer Entgegnung zu Wort. Reden die knorrigen Franzosen, perlt zu ihren Worten duftige Klaviermusik. Richtet sich die Kamera dagegen zum ersten Mal auf das Mondavi-Gelände, scheppert „Apeman“ von den Kinks. Kein Wort über die enorme Bedeutung der Mondavis für die Popularisierung des Weins in der Neuen Welt, kein Wort über die Detailpräzision, mit der sie Supermarktware ebenso erzeugt haben wie teure Spitzenweine französischen Stils. Ausgerechnet Robert Parker, der Gottseibeiuns der Wein-Traditionalisten, übersteht den Besuch Nossiters unbeschadet – dabei gäbe es genug Gründe, seine Macht und seine Vorlieben zu analysieren. Doch Analyse oder gar Recherche kommen in „Mondovino“ nicht vor.

Am Ende sehen wir die Methode in reiner Form: Da redet der argentinische Weinproduzent Arnoldo Etchart auf unvermittelt eingestreute Fragen allerhand Blödsinn über Mussolini und Peron. Es ist irrelevant für das Thema des Films – aber Etchart ist Kunde von Michel Rolland... Alles klar?

Doch es formiert sich auch eine Nouvelle Vague des Weinjournalismus. Stuart Pigott, der in Berlin lebende Engländer, ist aus dem Punktwertungswettstreit der Branche ausgestiegen. „Gut ist der Wein, der Ihnen schmeckt“, sagt er und schreckt nicht davor zurück, solche Weine auch im Drogeriemarkt zu finden. Sein neues Buch „Planet Wein“ (Scherz Verlag) zeigt ohne Dämonisierung die Menschen hinter den Weinen, den Dresdener Klaus Zimmerling ebenso wie den Kalifornier Paul Draper. Das demonstrative Anything goes dieses aufgekratzten, hübsch bebilderten Werks wirkt fast wie ein gezielter Gegenentwurf zur kulturpessimistischen Verbissenheit von Nossiters Film. Beides zusammen, nachdenklich genossen, mag den Blick auf unseren Weinplaneten schärfen.

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