Kultur : Trauer Neuer Welt

ISABEL HERZFELD

Hanns Eisler schrieb die Nationalhymne der untergegangenen DDR, Kurt Weill die "Dreigroschenoper" - darauf verengt sich heute die landläufige Wahrnehmung beider Komponisten.Daß sie weit mehr zu bieten haben als "Agitationskunst", davon konnten die Staatskapelle Berlin und Sebastian Weigle im Schauspielhaus nachhaltig überzeugen.Eislers "Suite Nr.6" op.40 entstand im Pariser Exil 1933, ursprünglich als Musik zum Film "Le Grand Jeu".Hier begegnet nach weit geschwungener Trompetenmelodie und sanft wiegenden Holzbläserterzen gelegentlich noch der kämpferische Berliner Ton in marschartigen Ausbrüchen, ist jedoch gebrochen in durchgängiger Polyphonie, die sich immer stärker dem Bachschen Passionston annähert.

In Anklage umschlagende Depression zieht sich in Kurt Weills "Die sieben Todsünden" ganz hinter den Brechtschen Text zurück.Die Probleme, die schon die Pariser Uraufführung 1933 belasteten, lassen sich auch diesmal nicht lösen: Die Partie der "vernünftigen" und der schönen, zu vermarktenden Anna, ursprünglich für eine Sängerin und eine Tänzerin gedacht, kann Pascal von Wroblewsky nicht lebendig machen.Die Stimme der Jazzsängerin trägt gerade noch in distanziertem Erzählton.Umso besser können dagegen Endrik Wottrich, Pär Landskog, Klaus Häger und Gert Wolf als "moralische Instanz" der Geldsendungen erwartenden Familie farbige Akzente setzen.

Die Härte und vergebliche Glückssuche gerade des Lebens in der "Neuen Welt" beschreiben die "Sieben Todsünden".Der Trauer der Exilmusik widerspricht sicher die traditionsgebundene Selbstgewißheit der 9.Sinfonie "Aus der Neuen Welt" von Dvorák.Weigle gibt dem Emphase, aber nicht immer den gebotenen Feinschliff.Doch dem Largo mit dem schwermütigen Englischhorn-Motiv ist die Trauer anzumerken, der Bogenschlag zwischen den Musiksprachen des Abends damit gelungen.

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