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Trauerfall : Oscar Niemeyer - ein Genie der Weltarchitektur ist tot

In der Nacht zum Donnerstag ist der Architekt Oscar Niemeyer gestorben - wenige Tage vor seinem 105. Geburtstag. Im Bundesstaat Rio de Janeiro gilt drei Tage Staatstrauer. Seine Begeisterung für Architektur hatte Niemeyer bis zuletzt angetrieben. Spuren hinterließ er auch in Berlin.

Am 15. Dezember wäre er 105 Jahre alt geworden: Oscar Niemeyer. Foto: dpa
Am 15. Dezember wäre er 105 Jahre alt geworden: Oscar Niemeyer.Foto: dpa

Oscar Niemeyer, der Vater der brasilianischen Architektur-Moderne, ist tot. Er starb zehn Tage vor seinem 105. Geburtstag in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro. Der Tod sei am Mittwoch um 21.55 Uhr (Ortszeit) eingetreten, wie das Samaritano-Hospital in Rios Stadtteil Botafogo auf Anfrage bestätigte. Niemeyer lag zuletzt im künstlichen Koma und wurden nur noch mit Hilfe von Geräten am Leben gehalten.

Staatspräsidentin Dilma Rousseff schrieb in einem Beileidsbrief: „Brasilien hat heute ein Genie verloren. Niemeyer war ein Revolutionär, der Mentor einer neuen Architektur, schön, logisch und wie er selbst sagte, erfinderisch.“ Der Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, Sérgio Cabral, ordnete noch in der Nacht eine dreitägige Staatstrauer an. Nach brasilianischer Rechtsordnung muss die Beisetzung binnen 24 Stunden stattfinden. Vermutlich wird die Trauerfeier am Donnerstag im Präsidentenpalast, dem Palácio do Planalto, in der Hauptstadt Brasília stattfinden, die für Niemeyers futuristische Bauten weltbekannt ist.

Die schönsten Gebäude Oscar Niemeyers
6.12.2012: Oscar Niemeyer ist tot. Der Architekt starb wenige Tage vor seinem 105. Geburtstag. Im Bundesstaat Rio de Janeiro gilt drei Tage Staatstrauer. Seine Begeisterung für Architektur hatte Niemeyer bis zuletzt angetrieben. Spuren hinterließ er auch in Berlin. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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06.12.2012 08:066.12.2012: Oscar Niemeyer ist tot. Der Architekt starb wenige Tage vor seinem 105. Geburtstag. Im Bundesstaat Rio de Janeiro gilt...

Präsidentin Rousseff betonte: „Heute ist ein Tag, seinen (Niemeyers) Tod zu beweinen.“ Der Star-Architekt musste in den vergangenen Jahren immer wieder im Krankenhaus behandelt werden. Zugesetzt hatte ihm auch der Tod seiner einzigen Tochter, Anna Maria Niemeyer, die im Juni 2012 im Alter von 82 Jahren verstarb.

Oscar Niemeyer war von der Arbeit besessen und die Architektur sein Lebenselixier. Auch als über 100-Jähriger ging er noch regelmäßig ins Büro an der Copacabana in Rio de Janeiro. Als er vor vielen Jahren einmal gefragt wurde, wie er gerne in Erinnerung bleiben würde, sagte er, auf seinem Grabstein solle nur ein Satz stehen: „Oscar Niemeyer, Brasilianer, Architekt. Er lebte unter Freunden und glaubte an die Zukunft.“ Am Mittwoch (Ortszeit) starb er in seiner Heimatstadt Rio de Janeiro im Alter von 104 Jahren.

Er zählte zweifelsohne zu den bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Mit seinen Bauten wollte Niemeyer die Menschen immer überraschen, beschenken und zum Staunen bringen. Seine Heimat Brasilien war ihm in seinem jahrzehntelangen Schaffensdrang nie groß genug. Er entwarf und baute in Italien, Spanien, Frankreich, Israel und vielen Ländern rund um die Erde. Der Mann, der nach Worten des französischen Star-Architekten Le Corbusier (1887-1965) die Berge Rios in den Augen hatte, wurde am 15. Dezember 1907 als eines von sechs Kindern eines deutschstämmigen Kaufmanns in der Stadt am Zuckerhut geboren.

Nach dem Architektur-Studium begann durch die Zusammenarbeit mit seinen Vorbildern Lucio Costa und Le Corbusier der Aufstieg. Nachdem er 1943 mit dem alten Gesundheitsministerium in Rio internationales Renommee erlangt hatte, war er 1947 prägend am Entwurf des UN-Gebäudes am New Yorker East River beteiligt. Dann folgte Ende der 50er Jahre die Hauptstadt Brasília, die er gemeinsam mit Lucio Costa schuf. Der Durchbruch war da.
In Deutschland baute er ein Wohnhaus für das Hansaviertel in Berlin (1957). Während der Militärdiktatur (1964-1985) wurde Niemeyer in Brasilien verfolgt und mit einem Arbeitsverbot belegt. Er blieb der Architektur zeitlebens treu, genauso wie seiner politischen Überzeugung. Bis zum Schluss war er bekennender Kommunist. Mit Kubas Revolutionsführer Fidel Castro pflegte er eine lange Freundschaft und Castro soll bei einer Gelegenheit mal gesagt haben, er, Castro, und Niemeyer seien vermutlich die letzten Kommunisten auf der Erde.

„Niemeyer hasste den Kapitalismus und den rechten Winkel. Gegen den Kapitalismus konnte er nicht viel ausrichten. Aber über den rechten Winkel, den Unterdrücker des Raumes, triumphierte seine freie, sinnliche und wolkenleichte Architektur“, schrieb einmal der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano zu den Lebenshauptthemen des Brasilianers, der auch den Sitz der Kommunistischen Partei Frankreichs in Paris entwarf.
Der Betrachter kommt sich vor den Niemeyer'schen Werken stets klein vor. Ob es das futuristische Kongressgebäude in der „Reißbrett- Hauptstadt“ Brasília ist, die geschwungene Freitreppe im Außenministerium oder die schlangenförmigen Aufgänge im Innern des „Pavillon Ciccillo Matarazzo“ in São Paulos Ibirapuera-Park - immer stellt sich neben dem Staunen auch Ehrfurcht ein. Die Konfrontation mit den in Beton gegossenen Gedanken Niemeyers ist immer auch eine Begegnung mit völlig ungewohnten, unerwarteten Formen.

Als „Centenario“, als Hundertjähriger, beschrieb er seinen Grundansatz für Architektur einmal so: „Gute Architektur, die, die ich bevorzuge, ist immer Architektur, die sich unterscheidet, die sich nicht wiederholt und die die Rolle eines Kunstwerkes annimmt. Für mich müssen Kunstwerke überraschen.“
Als einen herben Rückschlag empfand Niemeyer 2011 die Nachricht über die Schließung des von ihm errichteten Kulturzentrums in der nordspanischen Stadt Avilés, das er einmal als sein „liebstes Projekt“ beschrieb. Niemeyers Bauten sind vor allem für ihre geschwungenen Kurven und großzügige Raumgestaltung bekannt. In Rio de Janeiro entwarf er auch das weltbekannte Sambódromo, durch das jährlich die Samba-Schulen defilieren und das auch zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio genutzt werden soll.

Kurz vor seinem 104. Geburtstag im Dezember 2011 hatte er in einem Interview erklärt: „Ich habe noch eine gute Gesundheit und einen fast jugendlichen Enthusiasmus für das architektonische Schaffen. Das belebt mich sehr.“ Doch schon 2011 und auch 2012 musste er mehrmals im Krankenhaus behandelt werden, unter anderem wegen Lungenentzündung und Dehydrierung. Die letzten Jahre wurde Niemeyer stets von seiner zweiten Ehefrau Vera Lucia begleitet. Er hatte sie 2006 geheiratet, zwei Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau Anita Baldi, mit der er 76 Jahre lang verheiratet war.

Im Januar 2005 hatte die Stadt Potsdam Niemeyer beauftragt ein Bad zu entwerfen. Mitte 2007 sollte das Bad stehen, doch die Kosten des Projekts liefen aus dem Ruder. Nach dem Scheitern des Projekts wurde mehrfach über eine Umsetzung der spektakulären Entwürfe diskutiert. (Tsp/dpa)

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